Halt geben statt Grenzen setzen

Es scheint zurzeit sehr in Mode zu sein, Mauern zu bauen, Sperrzäune zu errichten oder Grenzen wieder enger zu ziehen. Egal, ob Trump sein Bauwerk gegen illegale Einwanderer aus Mexiko errichten lassen will, die EU versucht, sich mit Stacheldraht unerwünschten Flüchtlingen aus Nordafrika zu erwehren oder Rechtspopulisten wieder überall Grenzpfähle aufstellen und Grenzen ziehen möchten, immer geht es ihnen darum, sich vor schädlichen Einflüssen, die von außen kommen, „schützen“ zu wollen. Als würde ein „Feind“ vor der Tür stehen. Was sich hier in der großen Politik abspielt, soll nun auch vor der Erziehung unserer Kinder nicht Halt machen, zumindest sehen das manche so. Das Kind als natürlichen Feind.

„Wer setzt Kindern noch Grenzen?“, so lautete die Headline der „Zeit“ Mitte Februar dieses Jahres. Und lieferte ein uns alle bedrohendes Schreckgespenst in Gestalt eines etwa vierjährigen Mädchens auf der Titelseite gleich mit. Mit rötlich verschmiertem Mund und bösem, provozierendem Blick sieht es den erwachsenen Leser an und soll ihn wohl erschauern lassen, wenn es vor seinen Augen genüsslich ein Glas Himbeersaft ausschüttet – und dies mit voller Absicht! So etwas und noch viel mehr passiert also, wenn man Kindern keine Grenzen setzt – dies die unmissverständliche Message. Setzt man ihnen keine Grenzen wie jetzt der wackere Trump den Mexikanern, dann geraten sie außer Rand und Band und sind zu allem bereit, und wir, die Erwachsenen haben das Nachsehen.

„Grenzen setzen“ war schon vor gut dreißig Jahren der Hit in der Erziehungsdebatte und das Buch mit dem entsprechenden Titel verkaufte sich damals blendend. Seitdem ist dieser Schlachtruf irgendwie nicht mehr kleinzukriegen. Heute gilt er fast wie eine Selbstverständlichkeit und jede und jeder, der dieses Dogma anzweifelt, ruft bei seinem Gegenüber zumindest ein Stirnrunzeln hervor: Noch so ein Ewiggestriger, für den Kinder tun und lassen können, was ihnen gerade einfällt! Hat er nicht all die Bücher gelesen, die beschreiben, was passiert, wenn man sich nicht an die Regel hält, Kindern Grenzen zu setzen: „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, „Die Verwöhnungsfalle“, „Die Toleranzfalle“, „Helikoptereltern“, „SOS Kinderseele“, „Kinder an der Macht“. Bücher, in denen zu lesen ist, dass sich Erwachsene zu Deppen machen, wenn sie ihren Kindern keine Grenzen setzen, sich ihnen willenlos ausliefern, von ihnen bestimmt werden statt sie zu bestimmen.

Also ist es wieder einmal an der Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, was es mit diesem „Grenzen setzen“ eigentlich so auf sich hat. Und ein bisschen Bindungstheorie kann dabei nicht schaden, um die Sache ein wenig zurechtzurücken.

Das Wichtigste vorneweg: Kein Kind kommt mit dem festen Vorsatz auf die Welt, alles um sich herum zu zerdeppern, wenn man es nur gewähren lässt. Vielmehr begegnet es der Welt – übrigens im Gegensatz zu vielen Erwachsenen – freundlich zugewandt, offenherzig und sozial. Statt Grenzen zu übertreten suchen Säuglinge den Kontakt zu ihren nächsten Bezugspersonen, strecken ihre Ärmchen nach ihnen aus, wollen in der Welt „aufgenommen“ werden, um sich dabei „aufgehoben“ zu fühlen. Dabei blickt uns das Kleinkind gerne an und freut sich, wenn wir seinen Blick erwidern, denn diesen Blick braucht es. Und später unsere Worte auf seine Worte, um sich bestätigt und anerkannt zu fühlen. „Ich bin wertvoll“, fühlt es dann, „weil ich es wert bin, dass man auf meine Zeichen, meine Gesten und meine Worte antwortet.“ Ausgestattet mit einem solchen Weltvertrauen kennt das Kind bald keine Grenzen mehr, um die Welt um sich herum zu erforschen, ab und zu dreht es sich anfangs noch zu uns um, sich zu vergewissern, dass wir noch da sind und ihm Schutz gewähren. Später, mit einem sicheren „Wissen“ von uns in sich ausgestattet, erobert es die Welt allein und verlässt sich dabei auf seine elterliche Basisstation. Kindern Grenzen zu setzen, die Welt für sich kennenzulernen, schadet ihrer Neugierde, ihrem Drang, sich in unbekannte Gebiete aufzumachen. Wenn sie klein sind, am liebsten und wenn möglich in dichtes Buschwerk, verschwunden vor den Erwachsenen, um dort ihre eigene Welt zu erfinden, als Große in ihre Zimmer, die niemand außer ihnen betreten darf, und in Clubs und Discos, sich darauf vorzubereiten, einmal ganz unabhängig von uns, ihren Eltern, zu sein. Spätestens, wenn sie erwachsen werden, ist es mit dem Grenzen setzen sowieso getan.

Natürlich gilt es in dem Rahmen gegenseitigen Austauschs soziale Regeln einzuüben. Kindern, die sich dabei mit uns, den Erwachsenen, verbunden fühlen, die unsere Nähe suchen, gerade dann, wenn sie dabei sind, sich von uns zu entfernen, haben damit kein Problem. Im Gegenteil, unzählige Studien und Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder, denen zuhause zu viele Grenzen gesetzt wurden, später nicht nur unselbstständig sind, sondern, wenn unbeaufsichtigt, Grenzen im sozialen Zusammenleben gerne überschreiten. Weil sie sich in der Welt nicht aufgehoben fühlen, nicht wertgeschätzt. Weil die Welt ihnen auf ihre Bedürfnisse, als sie klein waren, keine Antwort gab, keine Sicherheit, weil sie sich von ihr immer nur zurückgewiesen fühlten. Kinder folgen sozialen Regeln ja nicht, weil man sie wie Raubtiere gezähmt hat, sondern weil man ihnen das Zusammenleben mit anderen geduldig dadurch beibringt, dass man auch sie achtet und zu Wort kommen lässt. Nur dann nehmen sie sich unsere Worte wirklich „zu Herzen“.

Ein weiterer Denkfehler in der ganzen Debatte über „Grenzen“ liegt darin, dass man „dem anderen“, wie in der großen Politik, immer nur feindliche Absichten unterstellt. Dass man ihn immer gleich bekämpfen will, statt sich ihm zuzuwenden, zu versuchen, seine Absichten zu verstehen, ihn zu respektieren, um dann auf Augenhöhe gemeinsame Regeln für ein soziales Zusammenleben auszuhandeln. Das anarchisch-triebhafte Kind als Feind geistert, wie das Titelbild der „Zeit“, immer noch im Kopf derer herum, die uns ständig empfehlen, Kindern Grenzen zu setzen.

Kinder aber brauchen überhaupt keine „Grenzen“. Was sie brauchen ist unseren Halt. Damit sie nicht ins Leere greifen, wenn sie uns brauchen, wenn ihnen die Sicherheit oder Orientierung einmal abhandenkommen. Bei jemandem Halt zu suchen ist aber etwas völlig anderes, als Grenzen gesetzt zu bekommen. Halt sucht man freiwillig, weil man dem anderen vertraut. Weil man sich von ihr oder von ihm angenommen fühlt. Halt zu finden ist das Gegenteil von dem, im Stich gelassen zu werden. Nur Kinder, denen das Gefühl, einen Halt zu finden, verloren gegangen ist, werden später Grenzen überschreiten. Nicht die kleinen, harmlosen, die alle kleinen (und großen) Kinder überschreiten, wenn sie ihre Unabhängigkeit erproben. Sondern die, die dazu führen, anderen Schaden zuzufügen, sie geringzuschätzen, nicht anzuerkennen. Sie tun es nicht, weil man ihnen, als sie klein waren, keine Grenzen gesetzt hat, sondern weil man ihnen kein Halt war und sie jetzt im Leben buchstäblich kein Halten mehr finden.

Begegnet man solchen Kindern, geht es zunächst darum, ihnen das Gefühl zu vermitteln, „halt-los“ sein zu dürfen – und trotzdem unser Vertrauen zu genießen. Dass wir sie so anerkennen, wie sie sind. Dann bekommen sie wieder Halt, wenn wir ihnen gestatten, sich an uns anzulehnen, dann bekommen sie wieder Boden unter ihre Füße. Und finden langsam wieder dorthin zurück, wo es für die meisten Kinder am Anfang ihres Lebens doch so selbstverständlich war, einfach nur angenommen zu werden. Finden zurück in eine Welt gegenseitiger Resonanz, in der sie nicht ins Leere greifen, sondern sich aufgenommen und aufgehoben fühlen. Grenzenlos!

 

 

About Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag, Lehrauftrag an der Universität Bielefeld mit Veranstaltungen an der Universität Frankfurt am Main und Zürich, Vorstandsmitglied „Archiv der Zukunft“ (adz).

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