Trennung und Scheidung (Teil 4) Residenzmodell, Wechselmodell oder Nestmodell? Zur aktuellen Diskussion.

Beitrag von Claus Koch

siehe auch das Buch zum Thema:

CK

In letzter Zeit ist unter Experten und ebenso unter Eltern eine heftige Diskussion über das „richtige“ Betreuungsmodell für die Kinder nach der Trennung und Scheidung entstanden. Im juristischen Jargon geht es dabei um das „Aufenthaltsbestimmungsrecht“, mit anderen Worte darum, wo, wie lange und wann sich das Kind beim getrennten Partner aufhält. Zusätzlichen Zündstoff erhielt die Diskussion dadurch, dass sich der Bundesgerichtshof im Februar 2017 dafür aussprach, unter bestimmten Umständen dem „Wechselmodell“ gegenüber dem „Residenzmodell“ den Vorzug zu geben, mit anderen Worten, dass es unter bestimmten Bedingungen auch gegen den Willen des Expartners juristisch durchgesetzt werden kann. Insbesondere wurde dieses Urteil von den bislang beim Residenzmodell zu kurz gekommenen Vätern dankbar aufgegriffen.

Das bei uns mit Abstand bis heute meist praktizierte Modell, wo die Kinder nach der Trennung ihrer Eltern aufwachsen, ist das sogenannte (Einzel)-Residenzmodell. Das Kind bleibt bei einem seiner Eltern wohnen – in über 90% ist es die Mutter – und besucht einmal unter der Woche und jedes zweite Wochenende seinen Vater. Die Schulferien teilen sich die Eltern nach Absprache untereinander auf. Beim Wechselmodell, auch „Paritätisches Wechselmodell“ oder „Doppelresidenzmodell“ genannt, teilen sich die Eltern die Zeit, die sie mit ihrem Kind verbringen, denn es wohnt in der Regel eine Woche bei dem einen, die nächste Woche bei dem anderen. Das Kind wechselt also in regelmäßigem Abstand von einem zur anderen. Wenn dies problemlos klappt, entfallen auch die gegenseitigen Ansprüche auf Unterhaltskosten. Das dritte, zugegebenermaßen etwas exotischere Modell ist das sogenannte Nestmodell, bei dem das Kind in der elterlichen Wohnung wohnen bleibt und von beiden Eltern in festgelegten Zeitintervallen, also etwa abwechselnd für eine Woche, „besucht“ wird. Das Kind würde dadurch in seiner vertrauten Umgebung bleiben. Da es dazu dreier Wohnungen bedarf und dieses Modell mit erheblichen Kosten verbunden ist und darüber hinaus nur sehr selten praktiziert wird, werde ich im Folgenden nur auf die Vor- und Nachteile des Residenz- bzw. Wechselmodells eingehen.

Wissenschaftliche Studien

Wissenschaftliche Studien, die Vor- und Nachteile der jeweiligen Modelle im Vergleich getestet haben, insbesondere wie sie sich langfristig auf das Wohlbefinden der Kinder ausgewirkt haben, liegen derzeit nicht vor. Während bindungsorientierte Autoren immer noch eher für das Residenzmodell plädieren, weil es besonders jüngeren Kindern die enge Bindung zumindest an einen Elternteil garantieren würde und bei den ganz Kleinen für eine Art „sicheren Hafen“ oder „Basisstation“ sorgt, liegen in anderen Ländern wie Skandinavien bereits eine Vielzahl von Untersuchungen zum Wechselmodell mit durchaus positiven Ergebnissen vor. Allerdings warnen ihre Autoren immer auch vor zu eiligen Schlussfolgerungen, denn noch seien die untersuchten Stichproben zu klein, um daraus allgemeine Schlüsse ziehen zu können; zudem stelle sich die Frage, ob die Auswahl der beteiligten Eltern und Kinder, die sich über Zeitungsannoncen oder den Rundfunk freiwillig gemeldet haben, wirklich repräsentativ sei. Ebenso liegen, weil es das Wechselmodell noch nicht allzu lange gibt, natürlich auch noch keine Langzeitstudien vor.

Das Residenzmodell

Die Vorteile des Residenzmodells liegen zunächst auf der Hand. Gerade für jüngere Kinder bis etwa sieben oder acht Jahren ist ein „sicherer Hafen“, verbunden mit einer vertrauten Umgebung, besonders wichtig, um mit der Trennungssituation der Eltern gut klarzukommen – in den ersten der Lebensjahren sowieso. Eine solche „Basisstation“, wie sie mit dem Verbleib in der Wohnung, meistens zusammen mit der der Mutter und den Geschwistern, weiterhin besteht, kann Sicherheit und Geborgenheit verschaffen und Existenzängste mindern. Auch das soziale Umfeld, Kindergarten und Schule, bleibt erhalten und ebenso die gewohnte Nachbarschaft, der Gang zum Bäcker, der Spielplatz nebenan und vor allem die Spielkameraden. Gerade in der Trennungssituation stellt die vertraute Umgebung eine wichtig Stütze dar, um gut darüber hinwegzukommen.

Der Nachteil dieses Modells besteht zweifellos für die Väter, die ihre Kinder, abgesehen davon, dass sie in diesem Fall und im Gegensatz zum Wechselmodell unterhaltspflichtig sind, nur selten oder gar nicht in ihrer Alltagssituation erleben. Häufig werden sie zu „Wochenendvätern“ und erleben ihre Kinder eher in einer Ausnahmesituation, oft verbunden mit irgendwelchen Freizeitangeboten. Wenn Mütter diese Besuche trotz des gemeinsamen Sorgerechts zusätzlich hintertreiben führt das manchmal dazu, dass Väter aufgeben und ihre Kinder völlig aus dem Blick verlieren. Auch liegt das Erziehungsmonopol, ob gewollt oder nicht, bei den Müttern, weil die Väter kaum Einblick in die Alltagssituation ihrer Kinder bekommen, von der sie ihm aus Loyalitätsgründen oft auch nur wenig erzählen.

Das Wechselmodell

In den letzten Jahren hat sich das Väterbild in unserer Gesellschaft gründlich verändert. Wie neueste Umfragen bestätigen, nehmen Väter mittlerweile von Geburt an wesentlich intensiver am Aufwachsen ihrer Kinder teil, und der Anteil derer, die eine enge und liebevolle Beziehung mit ihren Kindern ausleben, hat im Vergleich zu früheren Zeiten enorm zugenommen. Schließlich sieht man mittlerweile überall Väter, die allein mit ihren Kleinkindern im Alltag unterwegs sind, die  Zärtlichkeiten mit ihnen austauschen und kein Problem damit haben, auch „mütterliche“ Gefühle zu zeigen – alles vor Jahrzehnten noch undenkbar. Durch die Berufstätigkeit der meisten Frauen kommt hinzu, dass sich Frauen und Männer zunehmend nicht nur die Hausarbeit teilen (zumindest etwas mehr wie früher …), sondern auch die Erziehung ihrer Kinder. Und da Väter gerade für ihre kleinen Kinder heute viel mehr gegenwärtig sind als früher, sind sie auch viel enger mit ihnen verbunden als zu einer Zeit, als väterliche Distanz das Verhältnis zu Kindern bestimmte. Insofern hat sich ihre Reaktion auf eine Trennung oder Scheidung verändert. Viele von ihnen nehmen es nicht mehr hin, dass die Kinder nach der Trennung automatisch und ausschließlich bei der Mutter wohnen. Und genau hier kommt nicht von ungefähr das Wechselmodell ins Spiel. Weil sich die Rolle der Väter verändert hätte, müsse man sie im Falle einer Trennung oder Scheidung gleichberechtigt berücksichtigen und ihnen dasselbe Recht wie den Müttern zumessen, mit ihren Kindern zusammen zu sein, also eine Woche bei der Mutter, eine Woche beim Vater.

In den skandinavischen Ländern wird das Wechselmodell bereits von einer Mehrheit der Eltern praktiziert, zumindest, wenn die Kinder in die Schule kommen. Was auch damit zu tun hat, dass sich dort die Vaterrolle schon früher als bei uns verändert hat und die Möglichkeiten für Väter, sich um ihre Kinder zu kümmern, am Arbeitsplatz weit mehr Berücksichtigung finden als bei uns. Beim Wechselmodell liegen einige Vorteile auf der Hand. Die Kinder erleben mit ihren beiden Eltern nicht nur die Wochenenden und Ferien, sondern auch den Alltag. Sie verbringen gleich viel Zeit mit ihnen, was ihre Beziehung zu beiden festigt. Und wird das Wechselmodell konsequent befolgt, fällt der Streit ums Geld, also um Unterhaltszahlungen, weg. Was sich in der Theorie so schlüssig anhört, fällt im Trennungs- und Beziehungsalltag jedoch viel schwerer. Denn das Wechselmodell gelingt eigentlich nur dann, wenn sich beide Eltern nach der Trennung so gut verstehen, dass die Kommunikation untereinander, da mit ihm ein hoher organisatorischer Aufwand verknüpft ist, reibungslos verläuft. Das Wechselmodell setzt ja nicht nur viele gemeinsame Absprachen voraus, sondern auch ein gutes Einvernehmen hinsichtlich der Erziehungsziele. Auch erfordert es Flexibilität, also den guten Willen des anderen, einzuspringen, wenn berufliche Verpflichtungen oder Krankheiten der Kinder den vorab vereinbarten Terminplan durcheinanderbringen. Hinzukommen zusätzliche finanzielle Aufwendungen, denn schließlich brauchen die Kinder jeweils zwei für sie mehr oder weniger komplett ausgestattete Wohnungen mit Kinderzimmern und allem, was dazugehört. Auch sollten die Wohnungen so dicht beieinanderliegen, dass die Kinder ihre gewohnte Umgebung – Kindergarten, Schule, Nachbarn usw. – beibehalten können. Studien in Schweden haben gezeigt, dass auch für jüngere Kinder das „Wechselmodell“ geeigneter ist, eine stabile Beziehung zu beiden Eltern zu bewahren als das Residenzmodell. Allerdings unter der Voraussetzung, dass die getrennten Eltern weiterhin gut miteinander umgehen können und dem Kind dadurch keine zusätzliche Belastung aufbürden, wenn es sich regelmäßig für längere Zeit bei dem einen oder bei der anderen aufhält.

Ganz unabhängig vom Betreuungsmodell aber sollte den Vätern heutzutage mehr Zeit zusammen mit ihren Kindern auch im Alltag zugestanden werden und insofern wäre ein Kompromiss zwischen Residenz- und Wechselmodell (zum Beispiel mit jeweils um Freitag und Montag verlängerten Wochenenden) vielleicht am geeignetsten, den Bedürfnissen sowohl der Eltern wie auch der Kinder entgegenzukommen. Entscheidend aber bleibt in jedem Fall, dass die Eltern willens und in der Lage sind, zum Wohle ihrer Kinder an einem Strang zu ziehen, denn dies ist die grundlegende Voraussetzung überhaupt, ihnen über die Trennung positiv hinwegzuhelfen, egal, welches Modell von ihnen gewählt wird.

 

About Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag, Lehrauftrag an der Universität Bielefeld mit Veranstaltungen an der Universität Frankfurt am Main und Zürich, Vorstandsmitglied „Archiv der Zukunft“ (adz).

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