Aus der Praxis, für die Praxis: Mia dirigiert

Beitrag von Dr. Udo Baer

In der Schule (oder im Kindergarten) haben wir oft mit Kindern zu tun, die schüchtern sind oder von den lauteren Kindern überstimmt und übertönt werden. Besonders für diese Kinder ist es sinnvoll, dass sie die Möglichkeit bekommen, ein Orchester zu dirigieren.

Eine Dirigentin/ein Dirigent geben dem Orchester vor, welche Musik wie gespielt wird. Sie sind wirksam. Diese Erfahrung ermöglichen wir Kindern, indem sie eingeladen werden, Dirigent/in zu spielen. Dazu braucht es ein Orchester. Die gesamte Gruppe/Klasse oder ein Teil von ihnen wird zu Musikern erklärt. Die Musiker können auf einem Instrument spielen oder als Chor summen oder singen. Es kann ein bestimmtes Lied gesungen werden oder es wird frei musiziert – ganz im Belieben. Ein Kind wird zum Dirigenten oder zur Dirigentin erklärt und erhält einen Taktstock, ein kleines Stöckchen, mit dem dirigiert werden kann (oder sie verwendet ihre Finger als Taktstock).

Das Kind darf sich vor die Gruppe der Musizierenden stellen und bei „Los“ geht es los. Das Kind dirigiert. Die Gruppe wird aufgefordert, den Anweisungen des Dirigenten oder der Dirigentin zu folgen. Mal wird laut gespielt oder leise, mal höher, mal tiefer. Wenn das dirigierende Kind den Taktstock hochhebt wird es lauter, wenn es ihn senkt, wird es leiser, wenn es auf bestimmte einzelne Musiker zeigt, müssen diese besonders hervorstechend singen oder spielen … Der Dirigent und die Dirigentin geben vor und die anderen folgen.

Dieses Spiel macht Kindern in der Regel sehr viel Spaß. Sie sind eifrig dabei, egal ob sie Dirigent/in oder Musiker/in sind. Auf ein Zeichen der Erzieherin/des Erziehers bzw. der Lehrer/in, oder wenn es nicht mehr will, gibt das dirigierend Kind den Taktstock an ein anderes Kind weiter und kehrt in den Kreis der Musizierenden zurück. Die neue Dirigentin oder der neue Dirigent tritt nun mit dem Taktstock nach vorne und übernimmt das Dirigieren. So können viele Kinder – möglichst alle – in den Genuss des Dirigierens kommen.

Mia ist schüchtern. Sie meldet sich nur selten und kommt auch in den Pausen kaum zu Wort. Beim Orchesterspiel traut sie sich erst nicht, nach vorne zu treten. Die Lehrerin erklärt sich zu Kapellmeisterin und begleitet sie. Als Mia sich immer noch nicht traut, stellt sich die Lehrerin zwischen Mia und die Orchester-Gruppe und sagt: „Ich bin der Vorhang. Fang schon mal an zu dirigieren. Der Vorhang ist noch zu … Irgendwann geht der Vorhang auf.“ Mia dirigiert und als der Vorhang aufgeht, indem die Lehrerin beiseite tritt, dirigiert sie weitere – und die Kinder im Orchester reagieren auf sie. Mia strahlt.

Die Kinder machen mit diesem Spiel Erfahrungen, dass sie wirksam sind. Insbesondere schüchterne Kinder kann das ermutigen.

 

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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