Klänge der Zugehörigkeit, Lieder der Sehnsucht, Teil 2: Der Subtext der Resignation

 

 

von Dr. Udo Baer

Erfahrungen und Konzepte interkultureller musiktherapeutischer und musikpädagogischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (2005)

In der musiktherapeutischen Arbeit mit Migrantinnen und deren Kindern begegnen wir viel Resignation. Manchmal ist die Resignation getarnt mit ihrem Gegenteil, also mit übermütigem, jedoch bodenlosem Tatendrang und unrealistischen Projekten („Was ich alles machen würde, wenn …“). Ihr häufigster Ausdruck ist Melancholie. Oft bleiben Migrantinnen in dem, was sie bewegt, in der Vergangenheit stecken oder träumen von unerreichbaren Zukunftsvisionen, geben schließlich auf und verlagern ihre Träume auf die nächste Generation.

Diese Melancholie beinträchtigt die Beziehungen der Mütter zu ihren Kindern. Sie kann sich wie ein Schleier über die ganze Familie legen. Manche Kinder rebellieren dagegen, andere lassen sich anstecken.

Bei vielen türkischstämmigen Frauen und Mädchen ist dies sehr verbreitet und begegnet uns in der Einzel- und Gruppenarbeit immer wieder. Solche Stimmungen wie die Resignation enthalten, wie andere Gefühle oder Befindlichkeiten auch, oft einen darunter verborgenen Subtext, der über die eigene Resonanz der Therapeutin oder Pädagogin spürbar wird oder in länger andauernden musikalischen Improvisationen zu Tage tritt. Dieser Subtext ist die melancholische Sehnsucht, die Wehmut, die von vielen Klientinnen als „herzzerreißend“ beschrieben wird, ohne damit zu übertreiben. Die herzzerreißende Wehmut, diese rückwärtsgewandte Sehnsucht blockiert Handeln und Tatendrang. Erst wenn sie Ausdruck findet ist sie veränderbar. Welch besseren Ausdruck kann sie finden als einen musikalischen? Sie erklingt in der Improvisation, in Liedern der Heimat und Herzklängen jeder Art. Eine Klientin spielte ein „Ständchen“, ein gerichtetes Musizieren (s. Baer/Frick-Baer 2004), für den Berg, an dessen Hang ihr Heimatdorf liegt, eine andere komponierte ein Lied der Sehnsucht, dass alles wieder so wäre, wie es früher war. Erst als das rückwärtsgewandte Sehnen erklingen konnte und damit erlebbar und hörbar geworden war, konnten auch Klänge entstehen, die die Gegenwart und deren Veränderung betrafen.

 

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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