Klänge der Zugehörigkeit, Lieder der Sehnsucht, Teil 3: Wie klingt Ehre?

 

 

von Dr. Udo Baer

Erfahrungen und Konzepte interkultureller musiktherapeutischer und musikpädagogischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (2005)

Mehmed aus dem Kosovo wusste, was Ehre ist und was nicht. Die Ehre ist für viele Migranten ein Relikt aus vorgerichtlichen und vorstaatlichen Zeiten, eine Norm des Handelns bei Grenzverletzungen und der Rache wegen Ehrverletzung, also der Ausübung von Gerechtigkeit, wenn es keine oder nur korrupte Staats- und damit auch Gerichtsorgane gibt.

Mehmed macht eine Ausbildung als Maurer und lebt mit seiner Familie im Ruhrgebiet. Für ihn klang Ehre, als er sie musikalisch ausdrückte, als stabiler Rhythmus auf der Trommel, beim Spielen allmählich leiser werdend. „Ehre ist wichtig, das ist doch klar. Sie ist notwendig, weil ich Albaner bin. Aber sie ist nicht mehr so wichtig, weil es hier ja auch Gerichte gibt und weil man ja hier auch geschützt wird.“ Sein Kumpel ist Sadik, den er begleitet hatte, um einen Weg zu finden, einer drohenden Gefängnisstrafe zu entgehen. Sadik war anfangs nicht in der Lage, seine Ehre erklingen zu lassen, obwohl er wegen eines so genannten „Ehrvergehens“ gegen einen deutsch-stämmigen Jugendlichen vor Gericht stand.

Doch der scheinbar interkulturelle Konflikt erwies sich als intrakultureller Konflikt. Für Sadik war nicht wirklich die Ehre das Problem, sondern dass die Ehre eine Hülle geworden war, die er nicht füllen und nicht fühlen konnte. Er spielte schließlich auf einer Trommel die Ehre in lauten Crescendos und meinte, dass sei sicherlich die Ehre, wie sie sein Vater, der die Familie vor einigen Jahren verlassen hatte, erklingen lassen würde. Mit Sadik entwickelte sich eine musiktherapeutische Arbeit, in der es darum ging, einen eigenen Ehrbegriff zu entwickeln. Es entstand ein musikalisches Puzzle aus dem, was Sadik an anderen Menschen respektierte, und von dem er träumte,  dass er dafür selbst Respekt verlangen konnte. Aus einem entleerten, ursprünglich sozialen Ehrbegriff wurde ein individueller, der wiederum soziales Handeln beeinflussen konnte.

 

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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