Klänge der Zugehörigkeit, Lieder der Sehnsucht, Teil 4: Vom Greifen zum Klingen

 

 

von Dr. Udo Baer

Erfahrungen und Konzepte interkultureller musiktherapeutischer und musikpädagogischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (2005)

Mit einer Gruppe arbeitsloser junger Männer aus verschiedenen ost- und südeuropäischen Ländern, überwiegend Aussiedlern aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion, soll musiktherapeutisch oder musikpädagogisch gearbeitet werden. Singen wollen sie nicht („kindisch“), die angebotenen Musikinstrumente ignorieren sie („doof). Die jungen Männer sind halt- und wurzellos und von tiefen Leereerfahrungen geprägt.

Menschen, die Halt suchen, greifen nach anderen Menschen, um sich irgendwo festhalten zu können. Das machen Kinder ebenso wie Jugendliche oder Erwachsene. Doch greifen Menschen wiederholt ins Leere, resignieren sie und sie richten sich ein in der Haltlosigkeit. Das Greifen ist eine Primäre Leibbewegung, primär im doppelten Sinn: Es gehört neben dem Tönen, Schauen, Drücken und Lehnen zu den Bewegungen des Erlebens, die für jeden Menschen von grundlegender Bedeutung sind, und es gehört zu den primären im Sinne von frühen Regungen und Bewegungen, mit denen ein Mensch in die Welt hineingeht und als Säugling erste Schritte unternimmt, die Welt zu erschließen und zu be-greifen. Wenn Menschen sehr haltlos sind und sehr verloren wirken, dann führt der Weg, überhaupt musikalisch und musiktherapeutisch mit ihnen arbeiten zu können, oft über das Greifen.

In dem Projekt mit der erwähnten Gruppe arbeitsloser junger Männer begann dieser Weg wie in vielen ähnlichen Konstellationen damit, gemeinsam etwas zu bauen. Hier wurden aus Ölfässern Trommeln gebaut und aus Holzstücken und anderen Reststücken Schlegel. Die Fässer wurden gerichtet und bemalt. Darüber, dass jeder an seiner eigenen Trommel arbeitete und dabei auch erste Erfahrungen der Zusammenarbeit möglich wurden, entstanden buchstäbliche Erfahrungen des Greifens und des Haltes. Auf den Trommeln wurde gespielt, es entstanden strukturierte und nach und nach halboffene Rhythmussessions. Das Wort Musiktherapie oder Musikpädagogik wurde kein einziges Mal erwähnt und gleichwohl war dies eine erfolgreiche musiktherapeutische und musikpädagogische Gruppenarbeit.

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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