Trauer Teil 4: Dürfen Erwachsene vor Kindern weinen?

Beitrag von Udo Baer

 

Darf ich als Mutter vor meiner Tochter weinen? Darf ich als Erzieherin den Kindern zeigen, dass ich traurig bin? Darf ich als Sozialarbeiterin offenbaren, dass ich Kummer habe, weil meine Liebe auseinandergegangen ist?

Ja, Sie dürfen! Das ist meine Auffassung. Wenn Erwachsene ihre eigene Traurigkeit vor Kindern nicht zeigen, lernen Kinder, dass sie Trauer und Kummer nicht zeigen dürfen. Kinder lernen über Vorbilder!

Selbstverständlich geht es nicht darum, Kinder mit den eigenen schmerzlichen Gefühlen zu überschütten oder gar sie in Ehestreitigkeiten als Partei einzubeziehen. Selbstverständlich müssen Erwachsene nicht alle mitteilen, was sie bewegt. Aber es darf kein Trauer- oder Weinverbot geben. Die Tochter, die die Mutter weinen sieht, ist vielleicht erschrocken. Doch sie wird die Mutter zu trösten versuchen, wie die Mutter auch sie tröstet. Warum sollen Eltern und Kinder sich nicht gegenseitig trösten? Das verwischt nicht die unterschiedlichen Lebensverantwortlichkeiten, das ist ein gegenseitiges Zeigen und Austauschen von Gefühlen.

Wer als Erwachsener seinen Kummer ganz zu verbergen sucht, kann sicher sein, dass Kinder davon etwas mitbekommen. Sie merken es oder sie ahnen, dass „da etwas ist“, bekommen es aber „nicht zu greifen“. Kinder brauchen Klarheit, auch über Gefühle, die „im Raum schweben“.

Deswegen rate ich, mit Trauer und Kummer klar und offen umzugehen. Zeigen Sie Trauer, reden Sie darüber, teilen Sie das Leid. Sie sind damit Vorbild.

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

2 Kommentare zu “Trauer Teil 4: Dürfen Erwachsene vor Kindern weinen?

  1. Meine Tochter (20 Monate) nahm mich fest in den Arm und drückte mich an sich als sie wusste dass ich „heimlich“ weinte. Dies führte dazu, dass mein Weinen noch heftiger wurde aus dem Gefühl heraus das jemand für mich da ist (was ich nur sehr selten erfahren durfte) und ich es ja sowieso nicht verheimlichen kann.
    Sie liess mich nicht mehr los und als ich ihren Griff löste, schaute sie mir nicht mehr in die Augen. Sie sah nach rechts und machte ihre Augen lieber zu als mich anzuschauen. So als würde sie sich schämen oder als wollte sie mir vortäuschen zu schlafen. Mir kam sofort Asperger in den Sinn.
    Ich habe Erbkrankheiten wie Asperger mit Erw.ADHS kombiniert und einer bipolar affektiven Störung. Diese Kombination gibt es sonst kaum und idt schwierig zu behandeln. Ich musste so weinen weil mein Büsi so krank war, dass wir sie hätten einschläfern sollen. Dieser Katze riss sie häufig am Schwanz und da sie so krank war konnte sie sich nicht recht wehren, wollte es auch nicht. Bis auf ein einziges mal und das hatte dan gereicht dass sie dies nicht mehr tat.
    Wenn meine Tochter mir nicht mehr in die Augen schauen möchte weil ich weine, macht mir das zusätzlich Angst. Kann ich auf einen möglichen Krankeitsverlauf positiven Einfluss nehmen?
    Sie spürt ohne dass sie was hört schon im Kinderwagen dass etwas nicht stimmt. Ab da wird sie sehr ruhig. Ansonsten ist sie den gleichaltrigen Kindern weit voraus, unterscheidet sich aber kaum von gleichaltrigen im Verhalten gemäss Kita.
    Über ein paar Tipps wäre ich sehr dankbar.

    • Liebe Frau F.,
      ohne Ihre Tochter zu kennen, kann ich keine konkreten Hinweise geben. Aber zwei Anregungen:
      – Sagen und zeigen Sie Ihrer Tochter auch Ihre Trauer oderIhre Schwächen. UND sagen Sie immer dabei: „Ich bin traurig UND ich bin für dich da. … UND ich passe auf dich auf.“ oder so ähnlich. Kinder brauchen, dass wir unsere Gefühle zeigen, weil wir Vorbilder sind. UND sie brauchen unseren Halt, brauchen uns als Sicherheit.
      – Wenn Ihre Tochter in der beschriebenen Situation Ihnen nicht in die Augen schaut, dann ist das zunächst einmal ein Zeichen von Verunsicherung und Selbstschutz. Nicht mehr, nichts grundsätzliches. Suchen Sie immer wieder emotionalen Kontakt mit Ihrer Tochter, soweit sie ihn annehmen kann. Bieten Sie ihn immer wieder an. Mit Respekt vor deren Grenzen. Mit Blicken, mit Berührungen, mit Worten, mit Gesten … Nehmen Sie es nicht als „Muss“, sondern als Spiel, als Tanz …
      Viel Erfolg und herzliche Grüße

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