Traumatisierte Kinder sensibel begleiten, Teil 10: Was tun bei »seltsamen« Gefühlen traumatisierter Kinder? – Scham

 

 

von Dr. Udo Baer

Traumatische Erfahrungen bewirken in den Kindern, dass sie in all ihrem Erleben erschüttert sind. Dazu gehört auch ihr Gefühlsleben. Manche Gefühle verschwinden scheinbar, andere werden stärker, wieder andere verändern sich in ihren Inhalten und ihrem Ausdruck. Deswegen werde ich in den folgenden Abschnitten auf einige dieser Gefühle eingehen, die Veränderungen durch traumatische Erfahrungen beschreiben und Ihnen Hinweise geben, wie Sie damit umgehen können

Alle Kinder und auch wir Erwachsene kennen dieses unbeliebte Gefühl: Wir schämen uns. Worüber wir uns schämen und in welcher Weise wir dies ausdrücken, ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Kinder mit traumatischen Erfahrungen zeigen oft eine besonders intensive Scham. Diese tritt in vielen Situationen auf, die von anderen oft so eingeschätzt werden, als wäre eine Schamreaktion »unnötig« oder »unsinnig«. Andere Kinder mit traumatischen Erfahrungen schämen sich gar nicht mehr. Sie wirken schamlos. Um dies zu verstehen, müssen die Schamgefühle etwas genauer betrachtet werden. Wir unterscheiden zwischen natürlicher Scham und Beschämung.

Die natürliche Scham ist der Wächter unserer Intimität. Das ist ihr Sinn. Dieses Gefühl tritt auf, wenn wir etwas Intimes preisgeben oder preiszugeben drohen. Dieses Gefühl der natürlichen Scham entwickelt sich bei Kindern im Vorschulalter in unterschiedlichem Maße und in unterschiedlicher Art und Weise. Manche schämen sich ihres Nacktseins, andere, wenn sie Fehler gemacht haben. Susen schämt sich, wenn sie etwas singen soll, Achim, wenn er seine Hose zerrissen hat. Wenn Fehler und Unzulänglichkeiten, reale und vermutete, öffentlich werden oder zu werden drohen, tritt diese Scham auf. Ihre Entwicklung ist zu unterstützen, ist notwendig, denn die Schamgefühle werden im weiteren Leben den Kindern darin helfen, ihre intimen und persönlichen Grenzen zu bewahren.

Durch traumatische Situationen, insbesondere sexueller Gewalt, werden die Grenzen der Intimität gewaltsam durchstoßen. Dies kann bei Kindern dazu führen, dass sie des Gefühls der Scham verlustig gehen. Sie verhalten sich schamlos, ja provozieren sogar schamlose Situationen. Also Situationen, bei denen andere Menschen, wie Sie als Erzieher/in, beginnen, sich an deren Stelle zu schämen. Solche Kinder brauchen Unterstützung darin, ihre natürliche Scham wiederzugewinnen. Dies gelingt vor allem dadurch, dass sie sich geschützt und geborgen fühlen, und indem ihnen immer wieder vermittelt wird, dass sie das Recht haben, ihre Grenzen zu schützen und dass andere auf sie aufpassen.

Die Beschämung kommt anders als die natürliche Scham, nicht von innen, sondern von außen. Kinder werden ausgelacht und vorgeführt. Intimes wird an die Öffentlichkeit gezerrt. Die Kinder fühlen sich in ihrer Intimität preisgegeben.

Das Gefühl, beschämt zu werden und das Gefühl der natürlichen Scham fühlen sich ähnlich an. Doch haben beide Qualitäten der Scham sehr unterschiedliche Bedeutung. Die natürliche Scham sollte gestärkt werden, die Beschämung zurückgewiesen werden. Kinder brauchen den Schutz vor Beschämung. Alle.

Traumatisierte Kinder benötigen dies in besonderer Weise. Oft sind diese Kinder preisgegeben worden. Oft fühlen sie sich »anders« als andere. Oft werden sie wegen ihrer sogenannten Marotten und Besonderheiten in ihrem Verhalten und Erleben belächelt oder ausgelacht. Davor müssen diese Kinder geschützt werden so gut dies möglich ist.

Vermeiden Sie Beschämung, schützen Sie traumatisierte Kinder davor, beschämt zu werden.

 

 

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About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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