Trennung und Scheidung aus bindungstheoretischer Sicht (Teil 2) Was geht in den Eltern vor?

Für Eltern bedeutet die Trennung keine einfach Situation, auch wenn manche von ihnen zu dem Mittel greifen, sie zu bagatellisieren oder sie sich schönzureden. In den meisten Fällen aber beherrschen Wut und Aggression, Schuldgefühle, Ohnmacht und depressive Verstimmungen das Gefühlsleben, die oft auch mit vorübergehenden Rückzug einhergehen können. Auch Flucht in Arbeit, aber ebenso Arbeitsstörungen können die Folge sein. Darüber hinaus können sich alle diese Gefühle auch mit vielfältigen psychosomatischen Symptomen Ausdruck verschaffen. Wie bei den Kindern spielt auch ihre Bindungsgeschichte eine bedeutende Rolle, wie sie mit der Situation umgehen und sich ihre erworbenen Bindungsmuster auf die nachstehend näher beschriebenen Gefühle positiv oder negativ auswirken. Darüber, wie sich unterschiedliche Bindungsmuster aus der frühen Kindheit, ob zum Beispiel sicher oder unsicher gebunden, auf ihre Bewältigungsstrategien auswirken, liegen allerdings bislang kaum wissenschaftliche Untersuchungen vor.

 

Wut und Aggression auf den Partner/die Partnerin

Wie bereits im ersten Teil dieser kleinen Serie erwähnt, verlaufen Trennungen zumeist asymmetrisch, d.h. der, der den anderen verlässt, gerät schnell in eine „Täterrolle“, und der Verlassene fühlt sich nur noch als „Opfer“. Und genau diese Konstellation birgt den Zündstoff für ein hohes Aggressionspotenzial untereinander, besonders aber auf Seiten des „Opfers“. Hinzukommt, dass eine Scheidung schließlich nicht vom Himmel fällt, es gibt Gründe, manchmal sind es jahrelange Auseinandersetzungen, die der Trennung vorhergehen und manchmal hat der Beschluss, sich zu trennen auch damit zu tun, dass der oder die andere einen „Neuen“ oder eine „Neue“ hat.

Wären keine Kinder im Spiel könnte man die Lösung der Konflikte getrost den Erwachsenen überlassen, in der Hoffnung, dass sich ihre Beziehung untereinander mit der Zeit wieder beruhigt. Aber die Kinder entwickeln um die Konflikte unter ihren Eltern, denen ja nach wie vor ihre ganze Liebe gilt, besonders wenn sie lautstark vor ihnen ausgetragen werden, regelrechte Existenzängste und werden darüber hinaus oft bewusst, manchmal aber auch unbeabsichtigt, in die Auseinandersetzungen hineingezogen, und dies ohne die Möglichkeit, der Situation zu entkommen. Eine besonders für jüngere Kinder ausweglose und kaum zu bewältigende Lage. Zu wem sollen sie denn jetzt halten, zum „bösen“ Vater, zur „guten“ Mutter oder umgekehrt? Oft wird gerade der, dem es nach der Trennung „besser geht“, vor den Kindern schlechtgemacht, und oft stimmen die Kinder zu, weil sie Mitleid mit dem oder der haben, der oder die in ihren Augen traurig und unglücklich zurückgeblieben ist.

Aber auch wenn die Trennung weniger dramatisch verläuft und noch keine anderen Beziehungen im Spiel sind, können später einmal neue Partner dazu kommen, womöglich mit eigenen Kindern, und alte Gräben brechen wieder auf. Wird dann mit „der Neuen“ oder „dem Neuen“ noch ein zusätzliches Kind gezeugt, führt dies häufig zu erneut starken Aggressionen unter denen, die sich schon vor Monaten oder Jahren getrennt haben. „Patchworkfamilien“ sind ja nicht nur für die betroffenen Kinder komplizierte und hochsensible Gebilde – sie bergen immer auch neues Konfliktpotenzial für Paare, die auseinandergegangen sind.

 

Schuldgefühle

Egal, ob ein Feuer im Haus ausbricht oder ihr Kind ungerecht behandelt wird, Eltern tun alles, um es zu retten oder ihm Kummer und Leid zu ersparen. Insofern verstößt die Trennung gegen ein elementares, geradezu instinktives Gefühl von Eltern, ihr Kind vor Unheil zu bewahren, geschweige denn, ihm selbst etwas Schlimmes anzutun. Genau das aber passiert, wenn sie sich trennen. Um ihrem eigenen (in den meisten Fällen ja durchaus berechtigtem) Interesse zu folgen, nehmen sie mit ihrer Trennung in Kauf, dass sie ihrem Kind (oder ihren Kindern) damit etwas antun, was es ganz offensichtlich zum Leiden bringt. Und weil sie ihre Entscheidung über den Kopf des Kindes oder der Kinder hinweg getroffen haben, fühlen sie sich häufig wie „Täter“ und ihre Kinder als ihre „Opfer“. Was auch der Grund ist, dass viele Eltern, auf ihre Trennung und die möglichen Folgen für ihre Kinder angesprochen, zunächst abwehrend und mitunter auch aggressiv reagieren.

Eine weitere Reaktion von Eltern besteht darin, ihre Schuldgefühle zu verdrängen und sich die Situation schönzureden: „Es ist für die Kinder doch gar nicht so schlimm, jetzt bin ich eben allein für sie da und sie müssen sich nicht länger unseren Streit anhören“, denkt manche Mutter. „Da müssen sie eben drüber wegkommen, das Leben ist eben nicht immer einfach“, redet sich mancher Vater die Lage schön. Eng mit dieser Strategie, mit Schuldgefühlen fertig zu werden, hängt also das „Bagatellisieren“ der Situation zusammen: „Alles halb so schlimm, nach ein paar Monaten haben sie es vergessen“, denkt sich mancher und will damit jeder Diskussion über die Folgen aus dem Weg gehen.

 

Ohnmachtsgefühle, Rückzug und Depression 

 

Trennungen und Scheidungen stellen auch für die betroffenen Eltern eine Verlustsituation dar, die sie verarbeiten müssen. Das gilt besonders für diejenigen, die einen doppelten Verlust erleiden, nämlich den ihres ehemaligen Partners und ihres Kindes. Da mehr als 90 Prozent aller Kinder von getrennten Eltern weiter zusammen mit ihrer Mutter leben, sind davon heutzutage hauptsächlich die Väter betroffen – nur zehn Prozent von ihnen leben schließlich weiterhin mit ihren Kindern zusammen. Studien zeigen, dass diese Situation bei den Vätern oft Gefühle von Wut und gleichzeitig von Ohnmacht hervorrufen. Wobei die Mütter, die sich sowohl von ihrem Partner und von ihren Kindern trennen, mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.

Vater sein und vor allem, es zu bleiben, fällt vielen Vätern nach eine Trennung also doppeltem Sinne schwer. Allein und „von zuhause“ ausgezogen müssen sie ihr Leben, manchmal auch in einer fremden Umgebung, schnell und „übergangslos“ neu organisieren, andererseits sich bemühen, den Kontakt zu ihren Kindern aufrechtzuerhalten. Untersuchungen zeigen, dass mehr als ein Drittel aller Väter ein Jahr nach der Trennung keinen und nur wenig Kontakt zu ihren Kindern hat. Dadurch leiden nicht nur die Kinder, sondern auch die Väter. Denn viele von ihnen haben heutzutage von Geburt ihrer Kinder an viel mehr mit ihnen zu tun als früher, sie nehmen Elternurlaub, helfen dabei, die Säuglinge zu versorgen, sind mit ihnen viel unterwegs, erleben den Alltag gemeinsam. Mit anderen Worten, sie bauen zu ihren Kindern eine tiefe Bindung auf. Kommt es zur Trennung und in den allermeisten Fällen dazu, dass die Kinder bei der Mutter bleiben, also zum sogenannten „Residenzmodell“, wiegt der Verlust ihrer Kinder umso schwerer. Manche kämpfen dann verbissen um das Aufenthaltsrecht ihrer Kinder, was oft zu einem verbitterten Streit führt, der dann meistens vor dem Familiengericht endet. Andere ziehen sich zurück und Studien ergeben gerade bei ihnen einen hohen Anteil psychischer Probleme, depressiver Verstimmungen, Arbeitsstörungen bis hin zu Burnout und psychosomatischen Störungen.

About Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag, Lehrauftrag an der Universität Bielefeld mit Veranstaltungen an der Universität Frankfurt am Main und Zürich, Vorstandsmitglied „Archiv der Zukunft“ (adz).

Ein Kommentar zu “Trennung und Scheidung aus bindungstheoretischer Sicht (Teil 2) Was geht in den Eltern vor?

  1. Vielen Dank für diese hochinteressante Artikel-Reihe, die ich auch weiterempfehlen kann!
    Einen Hinweis auf eine präventive Mediation, die im Idealfall eine Scheidung verhindern könnte, auf jeden Fall jedoch weniger unwürdig gestalten würde oder auf eine Mediation mit dem Ziel einer Kindverträglichen und möglichst für alle Beteiligten fairen Trennung sucht man jedoch vergebens…

    „…dass eine Scheidung schließlich nicht vom Himmel fällt, es gibt Gründe, manchmal sind es jahrelange Auseinandersetzungen, die der Trennung vorhergehen…“

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