Trennung und Scheidung (Teil 3). Gibt es langfristige Folgen für Kinder und Jugendliche von Eltern, die sich getrennt haben?

Beitrag von Claus Koch

Betrachtet man die Häufigkeit von Trennungen und Scheidungen und wie viele Kinder davon betroffen sind, dann ist erstaunlich, wie wenige wissenschaftliche Studien sich mit den für sie langfristigen Folgen beschäftigen. Eigentlich gibt es nur zwei us-amerikanische Langzeitstudien, die, obwohl sie beide schon länger zurückliegen, immer wieder zitiert werden. Auf sie werde ich im Folgenden näher eingehen sowie auf eine dritte Studie, die jüngeren Datums ist, und die seit einigen Jahren am Deutschen Jugendinstitut in München erhoben wird.

Die Virginia Langzeitstudie von Mavis Hetherington    

In dieser groß angelegten Studie, die ihren Ausgang bereits in den 1970er Jahren fand und Mitte der 1990er Jahre ihren Abschluss fand, wurden die Daten von 1.400 Familien mit über 2.500 Scheidungskindern über einen Zeitraum von 30 Jahren erhoben. Die Leiterin der Studie, Mavis Hetherington, eine erfahrene Familienforscherin, befragte Kinder und Eltern mithilfe von Fragebögen, Interviews und Telefongesprächen und war dabei vor allem an den Langzeitfolgen von Trennung und Scheidung für die betroffenen Kinder interessiert. So wurden die Teilnehmer der Studie in regelmäßigen Abständen immer wieder danach befragt, wie es ihnen geht. Zwar belegen alle gesammelten Daten, dass eine Trennung oder Scheidung der Eltern für Kinder und Jugendliche in der Situation selbst eine sehr hohe seelische Belastung darstellt, aber über die langfristigen Folgen war und ist bis heute nur sehr wenig bekannt. Interessant an der Studie von Mavis Hetherington ist darüber hinaus, dass sie bewusst Kinder aus „traditionellen“ Familien und deren späteres Wohlbefinden als Jugendliche und Erwachsene mit einbezog, weil man ja nicht davon ausgehen kann, dass Kinder nur deswegen, weil sie dauerhaft mit beiden Elternteilen aufwachsen, in ihrem späteren Leben keine Probleme haben. Hetherington und ihre Mitarbeiterinnen stellten fest, dass die anfänglich starke seelische Belastung der Kinder spätestens zwei Jahre nach der Trennung ihrer Eltern nachgelassen hatte, meistens aber schon nach sechs Monaten bis zu einem Jahr. Die gute Nachricht für alle Eltern besteht sicherlich darin, dass ungefähr Dreiviertel aller Scheidungskinder ihr Leben als junge Erwachsene später ebenso gut meisterten wie ihre Altersgenossen aus den „normalen“ Familien. Die weniger gute Nachricht besteht darin, dass immerhin ein Viertel der Kinder geschiedener Eltern später in ihrem Leben mit Problemen ihrer psychischen Befindlichkeit zu kämpfen hatten – allerdings traf dies auch auf zehn Prozent der Kinder aus traditionellen Familien zu. Mit anderen Worten: Bei fünfzehn Prozent der Kinder hatten ihre Probleme als Erwachsene wohl erwiesenermaßen mit der Trennung ihrer Eltern zu tun.

Hetherington untersuchte aber auch, wie die Eltern mit ihrer Trennung umgingen und stellte fest, dass es klare  Anhaltspunkte dafür gab, zu welcher Gruppe die Scheidungskinder später gehörten, zu der, die sich von anderen Kindern aus traditionellen Familien nicht unterschieden bzw. zu den 25 Prozent Kindern, die es später als Erwachsene in ihrem Leben nicht so leicht hatten. Über das Wohl der Kinder entschied eindeutig, ob ihre Eltern gemeinsam und kooperativ nach Wegen gesucht hatten, den Kindern die Trennung zu erleichtern, ihnen weiterhin gemeinsame Eltern blieben und sich die Kinder bei ihnen beiden trotz ihrer Trennung sicher und geborgen fühlen konnten. Hinzukam die Unterstützung von „Außen“, also von Verwandten, Freunden, Erzieherinnen, Lehrern oder auch Nachbarn.

 

Die Studie von Judith Wallerstein

Die Familienforscherin Judith Wallerstein untersuchte beginnend in den 1970er Jahren sehr gründlich 60 Ehepaare, die sich getrennt hatten mit insgesamt 131 Kindern. Sie verzichtete auf die eher „formalen“ Fragebögen, sondern führte ausführliche Einzelinterviews und dies auch fünf, zehn und fünfzehn Jahre nach der Trennung. Ihre Ergebnisse sind gegenüber der Studie von Mavis Hetherington weniger optimistisch: Noch nach zehn Jahren hatten die meisten der betroffenen Kinder den Verlust der Familiengemeinschaft nicht überwunden. Zudem fand sie heraus, dass die Kinder als Erwachsene vermehrt unter Bindungsstörungen litten, und auch, dass ihre zumeist alleinerziehenden Eltern sie häufig nicht loslassen wollten und länger und stärker an ihre Kinder gebunden blieben wie dies auch umgekehrt der Fall war. Sie hatten es mit dem Erwachsenwerden schwieriger, weil sie häufig selbst keine Bindungen mit anderen eingehen wollten aus Angst, noch einmal die Erfahrung machen zu müssen, verlassen zu werden. Zusammenfasend machten sich die Spätfolgen der Trennung bei den Scheidungskindern also vor allem in ihrer späteren Bindungsunfähigkeit bemerkbar – eine Beobachtung, die auch heute noch von bindungstheoretischen Ansätzen bestätigt wird. Angst vor Bindung gilt aber keinesfalls für alle Kinder, wie auch Wallerstein feststellte und ich möchte hinzufügen, dass natürlich auch bei Kindern aus traditionellen Familienverhältnissen vorkommt.

 

„Familienentwicklung nach Trennung der Eltern“ –  die Kinderstudie des Deutschen Jugendinstituts München

 

So wichtig die Ergebnisse der Studien von Mavis Hetherington und Judith Wallerstein auch sind, sie stammen beide aus einer Zeit, in der Trennungen und Scheidungen gesellschaftlich weit weniger akzeptiert waren als heutzutage und Eltern womöglich auch weniger gelassen reagierten als heute. Besonders die Studie von Wallerstein wurde kritisiert, weil sich die Autorin zu stark an einem traditionellen Familienbild orientiert habe. Insofern kommt der einzigen zeitlich aktuellen längeren Studie – sie wurde 1994 beim Münchner Jugendinstitut in Angriff genommen – größere Bedeutung zu, auch wenn sie die Langzeitfolgen wie bei Hetherington und Wallerstein noch nicht ganz ausleuchten kann. Insgesamt zeigten sich in dieser Studie von der akuten Trennungssituation abgesehen für die Kinder keine oder nur begrenzte Unterschiede in ihrer späteren psychischen Befindlichkeit als Heranwachsende und Erwachsene, und zwar sowohl was ihre kognitiven wie auch ihre psychosozialen Fähigkeiten betrifft. Sabine Walper, die Leiterin der Studie, fasst die Ergebnisse denn auch dahingehend zusammen, dass man das negativ gefärbte Bild der Scheidungskinder mit all ihren Problemen insgesamt ein wenig zurechtrücken müsste. Auch sie betont, ähnlich wie Mavis Hetherington, den Aspekt, dass Kinder in traditionellen Familien ebenso unter dem ständigen Streit der Eltern leiden würden und sich dadurch in ähnlicher Weise belastet fühlen wie Kinder, deren Eltern sich gerade deswegen trennen. Ihr insgesamt positives Urteil über die Folgen bei Trennungskindern schränkt sie allerdings selbst ein. Zum einen gäbe es immer noch zu wenige wissenschaftliche Studien zu den langfristigen Folgen. Und ebenso stelle sich die Frage, ob man zur Beurteilung von Langzeitfolgen immer auch die richtigen Kriterien erwischt. So wissen wir, dass Kinder ihre Situation mit Rücksicht auf ihre Eltern häufig besser darstellen, als sie in Wirklichkeit ist. Jugendliche wiederum geben sich gerne stärker als sie sind. Auch stellt sich immer wieder die Frage, ob die Auswahl der Erwachsenen und Kinder wirklich repräsentativ ist. Es bedarf also noch weiterer Studien, um Näheres darüber zu erfahren, wie sich Trennung und Scheidung auf Kinder auswirken und ob sie wirklich so „harmlos“ sind, wie sie heute oft dargestellt werden. Eines aber ist auch für Sabine Walper gewiss: Je weniger Eltern im Falle der Trennung kooperieren, je mehr sie um das Kind „kämpfen“ und den anderen dabei schlecht machen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich für die Kinder und späteren Jugendlichen und Erwachsenen nachteilige Folgen ergeben. „Eine Risikogruppe“, so Sabine Walper, „sind dabei hochgradig zerstrittene Familien, die immer wieder vor Gericht ziehen“.

 

Bindungstypen und mögliche Langzeitfolgen der Trennung für das Kind

Ich habe bereits im ersten Teil dieser Serie auf den engen Zusammenhang zwischen positiven Bindungserlebnissen des Kindes und seinem Gefühl, sich sicher aufgehoben und beschützt zu fühlen, hingewiesen. Ein Kind, das schon früh in seinem Leben die Erfahrung macht, dass seine ihm wichtigsten Bezugspersonen, zumeist Mutter und Vater, auf seine Signale, Gesten und Worte hin feinfühlig reagieren, fühlt sich in seiner Persönlichkeit bestätigt. Es wagt dann, die Welt immer weiter weg von seinen Eltern zu erkunden, ist neugierig und wissbegierig, weil es vor möglichen „Entdeckungen“ da draußen keine Angst hat. Schließlich kann es immer wieder in den sicheren Hafen seiner Eltern zurückkehren, weil es gewiss ist, dort liebevoll empfangen zu werden. Dadurch, dass seine Eltern von seinem Verhalten oder Gesichtsausdruck „ablesen“, was in ihm vorgeht und entsprechend reagieren, lernt es umgekehrt auch, sie „zu verstehen“, wenn sie einmal schlecht gelaunt sind, mit ihm schimpfen oder anders reagieren als sie es gewohnt sind. Mit gelungener Bindung besitzt das Kind eine Art Urvertrauen in seine Eltern, das es später langfristig auch vor den negativen Folgen einer Scheidung seiner Eltern schützen kann, wenn diese ihm ihr Vertrauen nicht entziehen oder sein Vertrauen nicht enttäuschen. Ihre Hauptaufgabe besteht jetzt einfach darin, dafür zu sorgen, dass sich das Kind auch weiterhin sicher und geborgen fühlt. Hinzukommt, dass es sich dann weiterhin auch als „wertvoll“ erfährt, weil seinen Eltern offenkundig nicht egal ist, wie es ihm geht und seine Trauer oder Wut zulassen, ohne dass das Kind Angst haben muss, sie deswegen zusätzlich zu verlieren.

Wenn meine Mama oder mein Papa mich verlässt, dann bin ich weiter viel für sie wert“, denkt das Kind und dies besonders, wenn ihm beide Eltern das Gefühl geben, weiterhin für es da zu sein, weiterhin gemeinsam für es zu sorgen und ihm Schutz und Geborgenheit geben. Es behält also buchstäblich sein „Selbstwertgefühl“. Kinder, die schon vor der Trennung das Gefühl hatten, „unsicher“ gebunden zu sein, haben es auch nach Trennung schwerer, Selbstvertrauen und Stärke zu entwickeln.

Kinder, die bereits vor der Trennung ihrer Eltern unsicher gebunden waren, haben es natürlich schwerer. Für sie bestätigt sich ihr Gefühl, dass auf ihre Eltern kein Verlass ist, dass sie „mal so, mal so“ reagieren, dass sie ihrer Eltern nicht sicher sein können. Eine Trennung verschärft diese Konflikte und es sind genau diese Kinder, die durch ihre Auffälligkeiten, durch ihr ambivalentes Verhalten in Kita und Schule besonders auffallen.

About Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag, Lehrauftrag an der Universität Bielefeld mit Veranstaltungen an der Universität Frankfurt am Main und Zürich, Vorstandsmitglied „Archiv der Zukunft“ (adz).

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