Wie verwandelt sich Leere?

Vortrag auf der Tagung „Konvergenzen, Divergenzen, Transformation“ der Deutschen Gesellschaft für Kunst- und Gestaltungstherapie“ in Berlin, 2007

(Da der Beitrag frei gehalten wurde, wurde der Text leicht überarbeitet und gekürzt.)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Vor zwei Wochen hatte ich eine Klientin, die redete und redete und redete – und ich machte zarte Versuche, dazwischen zu kommen, aber sie redete und redete. Da griff ich auf meinen Notfallvorschlag zurück und bat sie, einen Moment auf ihren Atem zu lauschen. Und sie lauschte ihrem Atem. Eine Minute traute sie sich nicht, dreißig Sekunden – darauf einigten wir uns. Dreißig Sekunden innehalten. Ich musste ihr versprechen, dass ich nach dreißig Sekunden Bescheid sage. Nach dieser Zeit schreckte sie auf und sagte: „Da ist nichts! Da ist gar nichts! Da ist Leere.“ 

Solche Begegnungen habe ich und haben wahrscheinlich auch Sie als Therapeutinnen und Therapeuten immer wieder. In solchen Situationen ist es natürlich unsinnig, einfach zu sagen: „Jetzt malen Sie mal die Leere.“ Da gilt es vielmehr, genauer hinzuschauen, welche Qualitäten in den Erfahrungen dieses Nichts und dieser Leere enthalten sein können, welche unterschiedlichen Qualitäten der Leere und des Nichts es gibt, um sie dann verwandeln zu können. Wie wichtig das ist, das habe ich kürzlich gemerkt. Ich habe vor ein paar Wochen einen kleinen Beitrag in einer Programmzeitschrift über die Leere und das Greifbarsein veröffentlicht und ich habe in den letzten Wochen sehr zahlreiche Rückmeldungen dazu erhalten. Das ist ein Thema, das die Menschen sehr beschäftigt, das sehr viele Menschen beschäftigt, viel mehr als ich vermutet habe. Es hat mich überrascht.

Ich möchte in diesem Vortrag von den acht Qualitäten der Erfahrung mit der Leere, der Leere-Erfahrung, erzählen. Ich hatte vor, Ihnen einige Bilder dazu zu zeigen, und habe mich dann vorgestern doch dazu entschieden, das nicht zu tun, weil ich lieber möchte, dass die Bilder in Ihnen entstehen, als dass ich hier einzelne Bilder zeige. Und ich möchte nicht, dass bestimmte Qualitäten von Leere mit bestimmten Bildern behaftet sind, sondern die Vielfalt der Bilder deutlich wird, anhand Ihrer eigenen inneren Bilder und anhand der Bilder, die Sie von Ihren Klientinnen und Klienten kennen.

Die erste Art von Leere-Erfahrung besteht darin, dass Menschen ins Leere greifen. Wir alle kennen viele Menschen, die in ihrer Kindheit nach anderen Menschen greifen wollten und ins Leere gegriffen haben. Die ihre Hände ausgestreckt haben und da war niemand oder da war jemand und tat nur so, als wäre er da. Meine Kinder waren Könige darin, mich dabei zu erwischen: „Papa, du hörst mir nicht richtig zu, du denkst eigentlich an etwas anderes.“ Wenn das gelegentlich geschieht, ist das ja nicht schlimm, aber wenn diese Erfahrung, dass jemand nicht wirklich hinschaut, nicht wirklich da ist, die ganze Kindheit prägt, dann wird sie zu einer existenziellen Leere-Erfahrung. Wenn diese Erfahrung Beziehungen prägt, dann kann der Paartherapeut noch so viele „Lösungen“ vorschlagen, die Leere ist da und ist Thema und muss Thema werden, die Leere zwischen zwei Menschen, die dann auch in den Menschen selbst entsteht.

Wir haben vor vielen Jahren einen Hund angeschafft. Wir wohnen auf einem ehemaligen Bauernhof und haben dort Klientinnen und Klienten und Nachbarn usw. und wir wollten dem Hund beibringen, dass er nicht immer an den anderen hochspringt. Der einzige Lebenszweck dieses Hundes ist, von anderen gestreichelt zu werden und dazu springt er anderen immer entgegen, springt hoch. Wir haben alles probiert, wie man es uns gesagt hatte, um zu verhindern, dass er hochspringt, doch es hat nicht geklappt. Dann haben wir den Züchter gefragt, einen Hundeexperten, und der sagte: „Knie hochziehen, wenn er springt. Dann springt er gegen das Knie, das tut ihm weh, dann macht er das nicht mehr.“ Als alter Pazifist widerstrebte mir das, doch habe ich es trotzdem probiert: Es hat nicht geholfen. Wieder haben wir den Experten gefragt. Seine nächste Empfehlung war: „Wenn alles nicht hilft, dann drehen Sie sich um, wenn er Sie anspringt. Lassen Sie ihn mit seinen Bedürfnissen ins Leere gehen.“ Das hat geholfen. Er wollte trotzdem gestreichelt werden, aber er springt nicht mehr hoch. Er dreht sich jetzt, er macht Pirouetten, um seine Energie loszuwerden. Die Leute fragen dann immer: „Ach, habt ihr den Hund erzogen, Pirouetten zu tanzen.“ Nein, er wollte nicht ins Leere gehen. Dies hatte die größte Gewalt von all dem, was wir probiert haben. Und dies war nachhaltig.  Solche Geschichten hören wir immer wieder von den Klienten und Klientinnen und Patienten und Patientinnen: Menschen werden bestraft, wenn sie etwas falsch gemacht haben, wenn sie z. B. schlechte Noten hatten, indem man mit ihnen nicht gesprochen hat, indem sie  ins Leere gingen mit ihren Regungen und Erregungen. Das hatte die gleiche Wirkung wie beim Hund: Die Impulse ersterben. Unser Hund macht immerhin noch Pirouetten. Er kann seine Impulse austanzen und weiß, dass er dann gestreichelt wird. In der Therapie begegnen und immer wieder Menschen, die dann aufgeben, die ihre Impulse ganz ersterben lassen.

Ins Leere zu gehen, bedeutet nicht nur, dass ich niemanden habe, den ich greifen kann, sondern auch, dass ich nicht ergriffen werde. Ein Klient konnte die Arme nicht weiter als bis zur Ellebogenweite ausdehnen, sie hochzuhalten, war ihm nicht möglich. Er hat vieles probiert und viel zu dem Thema gemalt, immer wieder, aber das hat ihm nichts gebracht. Dann habe ich ihn gebeten, die Augen zu schließen und ein inneres Bild entstehen zu lassen, während er in Zeitlupe die Arme ausstreckt. Da entstand in ihm ein Bild, wie er als Kind auf einer Rutsche saß und sich nicht traute, herunter zu rutschen, und darauf wartete, dass jemand unten die Arme aufmacht: „Komm in meine Arme.“ Da war niemand. Nicht ergriffen zu werden, hat also auch Folgen für den eigenen Leib, hier die Folge, auch selber nicht oder nur eingeschränkt greifen zu können.

Um zu erläutern, was Menschen mit solchen Leereerfahrungen helfen kann, ein kleiner Exkurs: Wir reden von den fünf Primären Leibbewegungen: dem Schauen (und erschaut werden), dem Hören (und dem Gehört- und Erhörtwerden), dem Greifen und dem Ergriffenwerden, dem Drücken und Gedrücktwerden und dem Anlehnen. Primär sind diese Bewegungen des Erlebens im doppelten Sinn. Wie die Säuglingsforschung zeigt, sind dies die frühesten Regungen des Lebens und Erlebens und gleichzeitig die frühesten Interaktionen. Primär nennen wir diese Leibbewegungen auch im Sinne von „grundlegend“, weil Klientinnen und Klienten mit existenziellen Themen immer wieder thematisch bei diesen Primären Leibbewegungen landen.

Wenn Menschen ins Leere gegriffen haben und die gefühlte Leere in ihnen verhaftet bleibt, dann hilft zu greifen. Das erklärt, dass es oft schwierig ist, bei diese Leereerfahrungen mit Imaginationen und mit Bildern zu arbeiten. In der Leere verschwinden oft auch die inneren Bilder. Wir brauchen oft den Umweg über das Greifen. Natürlich ist es auch sinnvoll zu malen, aber wichtiger als das gemalte Bild ist es meiner Erfahrung nach, sehr bewusst ein Augenmerk darauf zu lenken, wie jemand nach einem Pinsel oder, noch besser, nach einem Spachtel greift. Wenn eine Klientin, ein Klient den Prozess in Zeitlupe durchführt, nach einem Spachtel zu greifen, dann ist das eine wertvolle Erfahrung, dann kann darüber etwas Bildhaftes entstehen. Dieses Vorspiel braucht es oft. Daneben tut es gut, mit Ton zu arbeiten, mit Holz zu arbeiten, mit allem möglichen, was greifbar ist und zu greifen anregt. Die Bilder allein bleiben oft sehr diffus.

Das Diffuse hat mit der zweiten Erfahrung von Leere zu tun. Viele beschreiben ihre Leere als Nebel. Dahinter steckt die Resignation. Wenn Kinder immer wieder ins Leere greifen – irgendwann hören sie auf zu greifen. Wenn Partner oder Partnerinnen immer wieder vergeblich nach dem geliebten Menschen greifen und ins Leere greifen, irgendwann hören sie auf zu greifen. Sie resignieren, sie tun sich das nicht an. Diese Resignation ist gesund. Die wenigsten Menschen sind so masochistisch, dass sie etwas, was ihnen Schmerz bereitet, immer wieder tun. Sie hören auf. Und dann legt sich ein Schleier der Resignation über ihre lebendigen Impulse und diese Resignation wird oft nicht mehr als Resignation erkannt, sondern erscheint als Nebel, als Watte, als milchiges Glas, als Diffuses, als Schleier, der vor oder über den Dingen liegt, aber der auch in einem selbst liegt. Ein Klient hat mir gesagt, nachdem wir an diesem Thema sehr lange gearbeitet hatten: „Ja, es stimmt. Ich habe  damals, so zwischen sechs und spätestens acht Jahren, mich auf Stand-by geschaltet. Auf das Sparprogramm. Ich bin noch wirklich gewesen, ich hatte noch Strom, aber alles nur als Stand-by. Alles andere hat nur Schmerz bereitet.“ Therapie beinhaltet in diesem Fall, wieder aus dem Stand-by herauszukommen. Natürlich kann man sehr schön den Nebel malen, aber wichtiger sind, da möchte ich einige Anregungen und Erfahrungen mitteilen, einige andere therapeutische Möglichkeiten. Die erste ist: Der Nebel, diese Resignation, hat immer einen Ort im Körper. Wenn ich frage: „Wo sitzt das in Ihrem Körper?“, dann schauen mich manche Klientinnen oder Klienten an, als wäre ich gaga – und dann wissen sie es doch. Wo dieser Ort im Körper sich befindet, ist unterschiedlich: im Schlüsselbein, im Herzen, aber auch in den schweren Füßen, irgendwo im Körper. Und dann gilt es zu schauen und nachzufragen: „Was spüren Sie da und welches Bild entsteht an dieser Stelle?“ Dann können wir wieder beim bildnerischen Gestalten weiter arbeiten. Der Umweg über den Körper ist hilfreich.

Das zweite, was hilfreich ist, ist ein Richtungswechsel. Dieses Diffuse, dieser Nebel, der hat eine Kraft wie ein Magnet, der saugt die Aufmerksamkeit oft an und lenkt den Blick immer auf sich. Man kann zwar, von der Vernunft gesteuert, weggucken, aber vom Erleben her zieht dieser Nebel die betroffenen Menschen immer wieder an. Deshalb arbeiten wir gerne mit Richtungswechseln, indem wir sagen: „Suchen Sie sich einen Ort, stellen Sie sich irgendwo hin. Was ist rechts von Ihnen, was ist links von Ihnen? Und tasten Sie dorthin … Spüren Sie auf Ihre rechte Seite und wenden Sie sich der rechten Seite zu und malen Sie das, was dort ist.“ Es kommt nicht darauf an, welche Richtung eingeschlagen wird, der Wechsel ist entscheidend und ist heilsam und hilfreich.

Eine besonders wunderbare Qualität hat der Vorschlag, mit Stoff zu arbeiten. Wenn ich nach links taste und ich spüre, dass hier auch Nebel ist, aber der eine andere Qualität hat als der Nebel vor mir oder der Nebel rechts von mir, dann gilt es, diese feine Qualität des linken Nebels zu ertasten und daraus ein Stoffobjekt zu gestalten. Dabei entsteht äußerlich wie innerlich oft Wundersames und Wunderbares, Sinnliches und Sinnvolles. Manchmal begegnen Menschen dann ihrer Trauer, ihrer Trauer über das Verlorene, über das vergebliche Greifen nach anderen. Um in diese Trauer zu spüren, ist diese sinnliche Gestaltung notwendig, ist oft dieser Richtungswechsel notwendig. Probieren Sie es vielleicht einmal aus, ich möchte dazu ermutigen.

Das dritte Erleben besteht darin, dass Menschen zu Nichts gemacht worden sind. Dem begegnen wir alle leider viel zu oft in unserer Arbeit, begegnen traumatischen Erfahrungen mit den großen Geißeln der Gewalt, der Entwürdigung, der Beschämung, oft auch des Jähzorns. Als Reaktion darauf verschwinden Menschen. So erleben sie sich: als Nichts. Sie haben sich irgendwann zum Nichts gemacht, weil etwas nicht aushaltbar war, weil sie selber zu Nichts gemacht wurden und sich zu einem Nichts machten, um sich in ihrer Erniedrigung und ihrem Leid nicht mehr zu spüren. Sie haben unbewusst entschieden, lieber nichts zu sein, als etwas Unaushaltbares aushalten zu müssen. Hier ist es sehr hilfreich, nach dem so genannten Unzerstörbaren Kern zu suchen. Ich bin nicht so ideologisch, dass ich denke, der Kern eines Menschen kann nicht zerstört werden, natürlich kann er das. Wir kennen in der Psychiatrie genug Menschen, die so elendig behandelt und so kaputt gemacht worden sind, dass sie nicht mehr wissen, wer sie sind, und auch nicht mehr den Zugang zu ihrem inneren Kern haben. Das gibt es. Aber die meisten Menschen, trotz Folter, trotz Trauma, trotz Gewalt, trotz Jähzorn, verfügen über diesen Unzerstörbaren Kern irgendwo. Der Weg, aus dem Zu-Nichts-gemacht-Werden heraus zu kommen, besteht darin, nach diesem inneren Kern zu fragen. Oft wissen die Klientinnen oder Klienten nicht, wo er sich in ihnen befindet. Dann frage ich: „Wo vermuten Sie ihn? Wo könnte er sein?“ – das hilft fast immer. Oder: „Wenn Sie ihn nicht finden, wohin wünschen Sie ihn in Ihrem Körper? Wo könnte dieser unzerstörbare Kern sein?“ Dann suchen sie ihn und irgendwo finden sie ihn. Dann ist es wichtig, ihn zu gestalteten, zu einem Symbol werden zu lassen, ihn so zu gestalten, als Bild, als Objekt, als was auch immer, dass er in ihnen wohnhaft werden kann. Zur Not, aber das ist die absolute Ausnahme, habe ich Menschen ein Bild geschenkt, wenn sie nicht malen oder gestalten konnten, ein Bild dieses unzerstörbaren Kern nach ihren Anweisungen oder ein Geschenk für diesen Kern. Doch in den meisten Fällen können die Menschen den Weg zu diesem Kern finden.

Um zu diesem Kern zu kommen, ist es wichtig, durch die Scham hindurchzugehen. Denn wenn Menschen sich zu Nichts machen, dann sind sie in ihrer Intimität angegriffen worden, dann sind sie in ihrer Intimität verletzt worden. Die Scham ist der Wächter des Intimen Raums, sie passt auf. Sie tritt immer auf, wenn es darum geht, wieder in die Intimität hineinzuschauen, dort wo sich der Unzerstörbare Kern befindet. Klientinnen und Klienten fragen uns Therapeutinnen und Therapeuten dann oft: „Och je, wie komme ich um die Scham herum?“ Und ich antworte: „Da müssen Sie hindurch, da müssen wir alle durch. Es lohnt sich.“

Ein weiterer wichtiger Aspekt, um aus diesem Zu-Nichts-gemacht-Werden herauszukommen, besteht darin, Menschen ein Gefühl von Wirksamkeit zu ermöglichen. In die Leere geschickt und zu Nichts gemacht zu werden, führt oft in das Erleben: „Ich bin ohnmächtig.“ Gewalterfahrungen provozieren Ohnmacht: „Ich bin nicht wirksam.“ Als therapeutische Antwort darauf ist jede Form von Gestaltung ein Lernen von Wirksamkeit. Jede Reaktion des Therapeuten oder der Therapeutin ist eine Erfahrung eigener Wirksamkeit: Ich setze lebendige Impulse, ich gestalte, ich wirke. Es ist gut, diesen Aspekt auch zu benennen und ihn als Therapeut, als Therapeutin im Kopf zu haben. Häufig ist es sinnvoll, mit Verwandlungsbildern zu arbeiten, also die Ohnmacht, die Leere zu gestalten und dann zu schauen: Wie kann ich dieses Bild verwandeln, über Abklatsch oder indem ich ihm eine neue Umgebung gebe oder über einen gestalteten Rahmen oder über andere gestalterische Verwandlungsmöglichkeiten. Dadurch wird die Erfahrung von Wirksamkeit so zu verstärkt, dass Elend in etwas Positives verwandelt wird und sich damit das Gefühl der Wirksamkeit stabilisiert.

Ich habe auch oft erlebt, dass Menschen mit dieser existenziellen Erfahrung, zu Nichts gemacht worden zu sein oder sich zu Nichts gemacht zu haben, sich der Gestaltung verweigern und sagen: „Ich sehe nichts. Ich würde gerne etwas sehen, allein schon um Ihnen einen Gefallen zu tun. Ich würde gerne etwas sehen, aber da ist nichts.“

Dann ist es wichtig, Umwege zu gehen. Ich habe vorhin die fünf Primären Leibbewegungen benannt. Unser Grundsatz in der Arbeit mit ihnen lautet: Wenn es bei einer Primären Leibbewegung nicht klappt, dann geht man zur nächsten. Vielleicht können Menschen, die nichts sehen, etwas hören. Vielleicht brauchen sie die Erfahrung, gehört zu werden. Und dann führt der Weg zu einem Klang oder über die kombinierte Arbeit von Bild und Klang. Ich bitte sie, auf einem Instrument etwas erklingen zu lassen und das zu malen. Eine wunderbare Möglichkeit liegt auch darin, den Menschen, die sehr stark auf das Auditive reagieren, Blätter aus Notenpapier zu geben – vergrößerte Blätter. Die Notenlinien fallen zuerst einmal gar nicht auf. Die Klientinnen und Klienten malen drauf und dann sagen wir: „Nehmen Sie dieses Blatt, dieses Bild als Partitur und musizieren Sie es.“ Das klappt. Nicht immer, aber immer öfter. Oft hilft der Weg über das Greifen, über das Gestalten, aber nicht immer und dann – die Anregung möchte ich mitgeben –  ist der Umweg über das Hören und Gehörtwerden wichtig.

Der vierte Punkt betrifft die innere Leere. Traumatische Erfahrungen führen dazu, dass Menschen abschalten, partiell abschalten und einen Aspekt ihrer inneren Lebendigkeit entleeren. Am wichtigsten ist, überhaupt zu merken, dass etwas fehlt, und das, was fehlt, zu identifizieren. Ich arbeite gern diagnostisch damit, dass ich einen Menschen bitte, sich selbst aus Zeitungspapier zu gestalten oder anderen Materialien und daraus ein Objekt entstehen zu lassen, so wie er oder sie gerade da ist. Und dann frage ich: „Und jetzt fügen Sie noch zweierlei hinzu: Was ist zuviel und was ist zuwenig in Ihrem Leben?“ Ich könnte das auch auf Lateinisch oder Griechisch formulieren, um es „diagnostischer“ klingen zu lassen, aber so ist die Gestaltung einfach und sie wirkt. Da die Patienten und Klienten auch kein Lateinisch, Griechisch oder Englisch können, biete ich diesen diagnostischen Zugang auf solch eine einfache Art an und es kommen immer sehr spannende und wunderbare Einsichten heraus. Manchmal frage ich dann noch: „Was fehlt ganz?“ Das hat eine andere Qualität als das Zuwenig. „Was fehlt ganz?“ Diese Frage überrascht und dann wird sichtbar, wo innere Leere vorhanden ist.

Eine weitere Möglichkeit, der partiellen inneren Leere auf die Spur zu kommen, besteht darin, dass Sie Bilder oder Objekte von Patientinnen und Klienten, mit denen Sie über einen längeren Zeitraum gearbeitet haben, mit ihnen gemeinsam betrachten. Oft fällt auf, dass in ihnen ein Thema fehlt. Da begegnet Ihnen die partielle Leere. Oder wenn ein Klientin oder ein Klient einen Gefühlsstern mit zwölf oder mehr Gefühlen gestaltet hat und Ihnen fällt plötzlich auf. dass alle aggressiven Gefühle ausgespart sind, könnte das ein Hinweis sein. Oft besteht der einzige Hinweis in der Resonanz des Therapeuten, der Therapeutin, in der Scham, in den Schuldgefühlen, der Verwirrung, der Trauer, die in uns in der Resonanz entstehen und die uns einen Hinweis auf das geben, was in der Klientin oder im Klienten ausgespart ist.

Schwieriger ist die therapeutische Arbeit, wenn die innere Leere nicht nur partiell besteht, mit sondern existenziell ist, wenn sie den inneren Kern eines Menschen umhüllt. Diese existenzielle innere Leere ist das Wesen einer Borderline-Erkrankung. Alle Menschen, die viel Erfahrung mit Menschen mit Borderline-Störungen haben, bestätigen, dass diese innere Leere existenziell ist und den Kern des Erlebens ausmacht. Wir Therapeuten merken das immer dann, wenn wir mit Menschen arbeiten und denken, da ist ein Fass ohne Boden. Wir merken es,wenn wir uns immer mehr anstrengen, um diese Leere zu füllen, aber es ist nichts nachhaltig, es wirkt nicht, es bleibt nicht haften. Die therapeutische Arbeit mit dieser Leere ist langwierig und mühsam. Der entscheidende Punkt besteht darin, am Inneren Ort der Bewertung zu arbeiten, ihn wieder herzustellen, ihn zu rekonstruieren oder ihn neu zu schaffen und, wenn er sich in Ansätzen entwickelt, immer wieder Verknüpfungen herzustellen. Ich arbeite gern mit therapeutischen Trypticha, um aus dem Entweder-Oder herauszukommen, um Verbindungen herzustellen. Ich arbeite gerne damit, zu jedem Thema zu fragen: „Was würde Ihr Innerer Ort der Bewertung dazu sagen?“ Immer wieder Bezüge herzustellen, ist eine langwierige Arbeit. Steter Tropfen höhlt nicht den Stein, sondern baut den Inneren Kern auf. Verbinden, verbinden, verbinden … das ist der Weg.

Der fünfte Aspekt ist die Leere als Abgrund. Dies ist ein weiteres, ein anderes Erleben von Leere, dem wir vor allem begegnen, wenn wir mit dem Verraumen arbeiten. Wenn eine Klientin oder ein Klient äußert, dass er sich leer fühlt oder in irgendeiner anderen Form zeigt, dass Leere ein Thema ist,  bitten wir ihn darum, das Thema zu verraumen. Verraumen heißt, dass die Klientin, der Klient mit Seilen oder mit Decken einen Raum im Therapiezimmer abteilt und diesen zum Raum der Leere erklärt. Und dann bitte ich: „Schauen Sie zu diesem Raum hin, was sehen Sie?“ Und dann kommt die Aussage: „Da ist ein Abgrund.“ Eine ähnliche Leere ist gemeint, wenn Menschen in der Umgangssprache sagen: „Ich fühle, dass ich den Boden unter meinen Füßen verliere, dass ich mich verliere.“ Oder: „Ich stehe auf einem brüchigen Boden.“ Diese Abgrunderfahrungen, die damit benannt werden oder anklingen, haben eine besondere Qualität. Sie sind oft verbunden mit starken Fallängsten, ja, mit Ängsten, die abgrundtief sind. Dann sage ich natürlich nicht: „Jetzt gehen wir mal ausprobieren, wie dieser Abgrund sich anfühlt, lassen Sie uns da mal hineingehen …“, sondern ich sage: „Lassen Sie uns von außen auf den Abgrund blicken und setzen wir uns an den Rand …“ Dies ist schon eine wichtige Erfahrung für die Menschen mit den Erfahrungen der Abgrund-Leere: Ich muss da nicht hinein. (Das unterstellt man uns Therapeuten ja oft.) Aber ich gehe an den Rand und ich bin nicht alleine am Rand, sondern mit dem Therapeuten, der Therapeutin gemeinsam.

Und dann kann der Therapeut, die Therapeutin in den Raum des Abgrundes ein weißes Blatt legen und sagen: „Nein, das brauchen Sie nicht zu malen, aber schauen Sie das mal an. Welches Bild entsteht vor Ihrem inneren Auge auf diesem weißen Blatt.“ Und schon entsteht etwas in dem Abgrund, ist der Anfang gemacht, diesen Abgrund zu identifizieren oder zu füllen. Allein das weiße Blatt, die kleinen Schritte, die am Rand unternommen werden, können große Hilfen sein, sich mit diesem Abgrund zu beschäftigen, so dass er seinen Schrecken verliert.

In der weiteren Arbeit wird der Raum des Abgrundes vielleicht aufgeteilt und ein kleiner Teil dieses Abgrundes räumlich abgetrennt. Der große Abgrund wird zerlegt in überschaubare Portionen. Das, was den Klientinnen und Klienten in diesen Teilen ihres Abgrundes begegnet, kann gemalt oder als Skulptur gestaltet werden. Wir müssen darauf eingestellt sein, dass sie immer wieder dem Schrecken begegnen, der in dem Abgrund lauert. Das Wichtigste, was dabei hilft, ist. dass wir selber unerschrocken sind. Oder so tun. Auch das hilft manchmal. Aber wir müssen zumindest etwas Unerschrockenes in uns haben, sonst können wir nicht mit den Menschen dem Schrecken begegnen. Sonst täuschen wir die Menschen und das merken sie. Die Sicherheit, die ein Mensch braucht, wenn sich ein Abgrund auftut, sind letzten Endes wir, ist letzten Endes ihr Vertrauen zu uns. Ist dies vorhanden, dann können wir gemeinsam unerschrocken weitergehen.

Zur nächsten Form des Erlebens von Leere, dem Verlorensein. Es klingt unterschiedlich, ob jemand sagt: „Ich fühle mich leer.“, oder ob die Formulierung lautet: „Ich bin verloren.“ Dieser Unterschied macht oft nur eine Nuance aus, aber als Therapeutinnen und Therapeuten sind wir angehalten, auf diese Nuancen zu achten. „Ich bin verloren“, meint oft: „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre. Ich weiß nicht, zu welchen Menschen, zu welcher Gemeinschaft ich gehöre.“ Zugehörigkeit ist eine sehr wichtige Qualität des Erlebens und macht einen Teil der Identität des Menschen aus. Ich bin gestern Abend nach Berlin gekommen und war vorher in Kiel auf einem Vortrag über die Arbeit mit demenzkranke Menschen bei der Alzheimer-Gesellschaft. Ich war überrascht, das kannte ich bei uns aus dem Ruhrgebiet so nicht, dass die Leute, denen ich begegnet bin, so sehr von Kiel schwärmen. Sie fühlen sich ihrer Heimat zugehörig. Dann gehe ich gestern Abend durch Kreuzberg und suche ein Restaurant, um essen zu gehen, und ich gehe in ein Restaurant und sehe darin eine große Fußball-Leinwand. Bayern München spielte gegen einen portugiesischen Verein im UEFA-Cup. Vor der Leinwand saß – im tiefsten Kreuzberg – eine Gruppe von 50-60 Leuten, alle mit Bayern München-Schals: Sie fühlten sich zugehörig. Sie kennen es alle, wie wichtig es als Jugendliche war, sich zugehörig zu fühlen, den Langhaarigen, den Beatels-Fans, den Hip-hoppern oder den Punks. Wem das Zugehörigkeitsgefühl auch immer gilt, ist zweitrangig. Wesentlich ist, dass Menschen es offensichtlich brauchen, über die Zugehörigkeit einen Teil der eigenen Identität zu entwickeln. Dies brauchen sie um so mehr, je verunsicherter sie sind, z. B. als Heranwachsende.

Wenn dieser Zugehörigkeitsprozess nicht mehr gelingt, dann fühlen sich Menschen verloren. Sie wissen nicht: Zu wem gehöre ich? Zu welcher Region, zu welchen Menschen, zu welcher Clique … Was ist meine äußere Heimat? Und was ist meine innere Heimat? Dann geht dieses Gefühl der inneren Heimatlichkeit verloren und entwickelt sich hin zu einem Gefühl des Verlorenseins.

Wichtig ist in der Therapie erstens, dies zu benennen, damit das Gefühl des Verlorenseins nicht diffus bleibt, sondern erklärbar wird. Doch das reicht nicht. Der rote Faden in der therapeutischen Arbeit besteht darin zu fragen: „Was haben Sie verloren?“ Entscheidend ist, vom Verlorensein zum Verlorenhaben zu gelangen. Wenn man Menschen, die sich verloren fühlen, fragt: „Was haben Sie verloren in Ihrem Leben?“, dann wissen sie das oft. Es handelt sich um eine kleine Nuance in der Frageverschiebung, die aber häufig große Wirkungen hat. In der weitern Arbeit gilt es, über gestalterische Aktivitäten Wege zu suchen und zu erproben, wie Heimatlichkeit, Geborgenheit, Zugehörigkeit geschaffen werden kann. Es ist hilfreich, dabei den Fragen nachzugehen: „Was gehört zu Ihnen? Was soll zu Ihnen gehören?“ Ich arbeite gerne mit dem Raum des Reichtums und bitte, ein großes Blatt zu nehmen, so groß, wie die Menschen wollen, und darin den eigenen Reichtum zu gestalten. Was ist mein Reich? Mein Reichtum? Was ist das, was ich erreicht habe? Wer sind die Menschen, die ich erreiche, die mich erreichen?  Wer bleibt draußen, außerhalb meiner Reichweite? Und wer soll in mein Reich hinein? Diese Arbeit ist ein Schritt auf dem Weg zur Zugehörigkeit.

Eine weitere wichtige kunsttherapeutische Methode zu diesem Thema ist der gestalterische Dialog mit seinem Doppelcharakter der Diagnostik und der Veränderung. Wenn ich als Therapeut in einen gestalterischen Dialog gehe mit Menschen, die sich verloren fühlen, dann merke ich in unserem Dialog, wie sie selbst dazu beitragen, verloren zu gehen, Bindungen zu vermeiden, auszuweichen, Begegnungsangebote zu umgehen oder zu ignorieren. Gleichzeitig geht der Dialog über die Einsicht, über die Diagnostik hinaus und bietet Möglichkeiten, zu experimentieren und neues Formen der Begegnung zu wagen. Verlorensein ist ein Beziehungsthema, das in der therapeutischen Beziehung erscheint und in ihr veränderbar ist.

Ein siebter Aspekt sind die Essstörungen. In den letzten zwei Jahren haben zwei Kolleginnen und ich Essstörungen untersucht, indem wir KlientInnen befragt und Therapien ausgewertet haben. Ich habe ca. 20 Selbstbiografien von Menschen mit Essstörungen untersucht und ausgewertet, von erkrankten Menschen, die sich ihre Geschichte von der Seele geschrieben haben. Es gibt unglaublich viele solcher Selbstzeugnisse. Und der gemeinsame Nenner aller Essstörungserfahrungen war das „große Verschwinden“. So nannten es auch die Menschen mit Essstörungen: „Ich bin immer mehr verschwunden.“ Was ist verschwunden? Das körperliche Ich-Erleben, ihre Ich-Identität. Schönheitsideale, Models als Vorbilder haben diesen Prozess verstärkt, aber nicht entscheidend bestimmt. Das Entscheidende war das innere Verschwinden. In der Magersucht ist das Verschwinden auch äußerlich sichtbar, geht das innere Verschwinden mit dem äußeren einher. In der Bulimie kämpft der erkrankte Mensch, geht es immer wieder hin und her, bis dieser Kampf zum Krampf wird und die eigene Identität ersetzt. Auch wenn sich jemand einen Panzer um sich herum anisst, so ist das oft eine Schutzfunktion, das innere Verschwinden zu ummanteln und zu schützen. Das Ich verschwindet, der Kern der Essstörung ist eine Identitätsstörung, die als großes Verschwinden erlebt wird. Auch das ist ein Leeregefühl, das manchmal gestopft wird, das versucht wird unter Kontrolle zu bringen, durch rigides Essverhalten oder Nicht-Essverhalten, durch extremen Sport und vieles andere mehr.

Wenn wir davon ausgehen, dass Essstörungen mit diesem großen Verschwinden zu tun haben und dass dabei auch das eigene Maß, der eigene Maßstab verschwindet, das Körpererleben verschwindet oder zu verschwinden droht, bis hin zum Verschwinden des Lebens, zur existenziellen Gefährdung und Bedrohung, dann müssen wir uns fragen, wie die Identität, die hier schwindet, eigentlich entsteht. Wenn wir dieser Frage nachgehen, kommen wir zu dem Ergebnis, dass das Entscheidende, dass der Königsweg der therapeutischen Arbeit mit Menschen mit Essstörungen die Körperbildarbeit ist, die systematische Körperbildarbeit. Der Säugling, der im Bett liegt, weiß noch nicht die Worte „rechts“ und „links“, aber er erlebt, dass die Mutter immer wieder von rechts kommt. Dann wendet er sich in diese Richtung. Diese Erfahrung wird einverleibt in seinen Körper. Wenn er später den rechten Arm malt und in den rechten Arm spürt und dabei der Frage nachgeht, was rechts für ihn bedeutet, dann kommt ihm plötzlich das Wort „Hinwendung“ in den Sinn und er wird an diese Qualität erinnert. Im Körperbild ist unsere Geschichte, im Körperbild ist unsere Identität, ist auch unsere Zukunft enthalten. Im Körperbild begegnen die Menschen ihren Kränkungen wie ihren Sehnsüchten, den Verletzungen wie den Heilungsmöglichkeiten. Das Körperbild ist verdichtetes Erleben, ist verdichtete Identität. Wir haben die besten Erfahrungen in der kunsttherapeutische Arbeit mit essgestörten Menschen damit gemacht, nicht einmal ein Körperbild zu machen, sondern ein Jahr lang, zwei Jahre lang systematisch am Körperbild zu arbeiten. Der Prozess beinhaltet, immer wieder einzelne Organe des Körpers zu malen und zu einem großen, lebensgroßen Körperbild zusammenzufügen, es zu verändern und mit jeder neuen Erfahrung weiter zu gestalten. In dieser Arbeit können Klientinnen und Klienten Traumata begegnen, auch anderen Verletzungen und Schmerzen. All diese einverleibten Erfahrungen können dann ausgedrückt, ent-leibt werden, können in das gestaltete Körperbild hineinfinden, dort einen Platz finden. In diesem Prozess entstehen auch Bilder der Heilung und der Verwandlung und entdecken die Menschen die in ihnen wohnenden Ressourcen und Potentiale.

Einen letzten Punkt möchte ich erwähnen, eine Leere, die nun einmal nicht pathologisch ist. Eine Leere, unter der wir nicht leiden – davon haben wir jetzt genug gehört – sondern nach der wir uns sehnen. Von der Sehnsucht, endlich einmal leer zu werden, lebt die Tourismus-Industrie, dafür gibt es Meditationen und vieles andere mehr. Überforderung ist das Stichwort unserer Kultur, Überforderung ist das Stichwort der therapeutischen Arbeit, dazu neigen wir alle, sonst wären wir keine Therapeuten geworden, und dann sehnen wir uns danach, dass die Mühen weniger werden. Meine Lieblingsstelle eines Film ist die Szene von „American Beauty“, wo der Hauptprotagonist seinen Job aufgibt und zu McDonalds geht und sich bewirbt. Der Personal Manager von McDonalds sagt: „Da sind Sie aber überqualifiziert.“ Und dann erwidert der Protagonist: „Bitte geben Sie mir den Job mit der niedrigst möglichen Verantwortung.“ Davon träume ich manchmal, wenn ich mich mal wieder in Situationen gebracht habe, die mich überfordern. Wenn ein Klient oder eine Klientin kommt und sagt: „Ich bin überfordert.“, dann sage ich natürlich nicht: „Wechseln Sie den Beruf, gehen Sie zu Mc Donalds.“, sondern ich bitte ihn, seine Überforderung malen. Meistens benötigen sie dazu sehr große Blätter, um alles drauf zu bekommen, was sie überfordert. Viele Klientinnen oder Klienten wünschen sich dann, dass ich ihnen einen Weg zeige, wie sie dieses volle Bild der Überforderungen entleeren können. Ich sage ihnen: „Nein, das geht nicht. Dieses Bild der Überforderung können Sie nicht verändern. Sie müssen einen Zwischenschritt machen, sich einen Ausschnitt herausholen. Überforderung kann nie als Ganzes verändert werden, sondern immer nur ein Teilen, in Abschnitten. Bitte schneiden oder reißen Sie einen Ausschnitt aus Ihrem Bild der Überforderung.“ Wenn sie das getan haben, bitte ich sie, dem Ausschnitt eine neue Umgebung zu geben. Das beginnt damit, ihn auf ein neues weißes Blatt zu legen und zu überlegen, was braucht dieser Aspekt an Überforderung, welche Umgebung, welche Hilfe braucht er? Dazu fällt den Klientinnen und Klienten immer etwas ein. Aber man muss den Blick auf einen Ausschnitt fokussieren, nicht auf das Ganze. Das Ganze macht blind, das Ganze überfordert.

Man hat in der Neurowissenschaft versucht, Lernprozesse des Gehirns in Computern nachzugestalten, indem man selbstlernende Systeme geschaffen hat. Eine Aufgabe wurde gestellt und noch eine Aufgabe und die Computernetzwerke haben gelernt und gelernt. Irgendwann, wenn sie durch die Menge der Aufgaben überfordert waren oder wenn man einzelne Schritte übersprungen hatte, entstand ein Rauschen. Dieses Rauschen ist auch bei Menschen ein Ausdruck von Überforderung. Das Rauschen erscheint bei vielen als Langeweile. Langeweile ist in unserer Gesellschaft nicht „in“. Langeweile hat man nicht und darf man nicht haben. Sonst ist man ja vielleicht ein Langweiler oder langweilig. Also geht man über die Langeweile hinweg. Wenn ich Klientinnen oder Klienten bitte, diese Langeweile zu malen, dann bitte ich sie, das Bild mit Gouachefarben oder auch anderen flüssigen Farben zu gestalten. Dann fordere ich sie auf, davon mit Abklatschtechniken Abdrücke zu machen, um auf eine Entdeckungsreise zu gehen, was sich hinter der Langeweile verbirgt. Hinter der Langeweile, hinter diesem Rauschen, steht oft etwas anderes, in sehr vielen Fällen eine Sehnsucht.

Fast immer, fast immer, wenn ich mit Menschen mit Leereerfahrungen und Leereerleben gearbeitet habe, begegnete ich irgendwann der Sehnsucht. Wenn sie ausgesprochen werden konnte, wenn die Sehnsucht bildhaft wurde, dann wusste ich: Das Schlimmste ist geschafft. Ein Weg aus der Leere ist gefunden.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse.

Literatur:

Baer, Udo (1999): Gefühlssterne, Angstfresser, Wandlungsbilder… Kunst- und Gestaltungstherapeutische Methoden und Modelle. Neukirchen-Vluyn

Baer, Udo; Costagliola, Rosalia; Frick-Baer, Gabriele (2007): Das große Verschwinden und die Ge-Wichtigkeit. Kreative Therapie mit Essstörungen. Neukirchen-Vluyn

About Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

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