Konstruktive und destruktive Wirksamkeitsbemühungen

 

 

von Udo Baer

Wenn Kinder und Jugendliche ins Leere gehen, wenn sie sich unwirksam fühlen und wiederholt die Erfahrung machen, dass sie keine Wirkung auf andere Menschen haben, dann verfestigt sich in ihnen das Bild, dass sie anderen egal sind, dass sie es nicht wert sind, beachtet zu werden. Dieses Gefühl ist zumindest auf Dauer kaum aushaltbar und deswegen kämpfen Kinder und Jugendliche darum, wirksam zu werden.

Dies geschieht oft destruktiv. Sie machen etwas kaputt, sie werden aggressiv, sie hauen, schimpfen, beleidigen usw. Auch dann sind sie wirksam, aber diese Wirksamkeit besteht darin, dass sie ausgeschimpft und bestraft werden, ganz gleich ob im Elternhaus, in der Kita oder in der Schule.

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Am 30.11.2021 erscheint ein neues Buch von Udo Baer und Gabriele Frick-Baer: Therapie und Würde – Sprachleib, Würde-Achtsamkeit, Bedeutungsüberhang… Kreative Leibtherapie Band 3

Sprachleib, Würde-Achtsamkeit,Bedeutungsüberhang …

Das Themenspektrum dieses Buches erstreckt sich von der Bedeutung der Sprache und der Poesie in der Zwischenleiblichkeit therapeutischer Begegnungen über das Konzept der Würde-Achtsamkeit sowie zentraler Begriffe wie dem großen UND bis zum Verständnis von Spiritualität im therapeutischen Kontext. Dieses Buch enthält Essays und Vorträge, die den Boden kreativ-leibtherapeutischer Arbeit erweitern, jeder und jedem für sich wertvolle Hilfen und Anregungen zu Themen würdigender Therapie anbieten und zur fachlichen und persönlichen Auseinandersetzung auffordern.

Ein Gewinn für alle, denen Würde ein zentraler Wert in der therapeutischen Theorie und Praxis ist.

 

Erscheinungsdatum: 30.11.2021
ISBN: 978-3-934933-58-3
Seiten: 210
Preis: 22 Euro

Vorbestellung: www.semnos.de

Selbstwirksamkeit und Wirksamkeitserfahrungen

 

 

von Udo Baer

Man liest oft die Aufforderung, dass wir Therapeuten*innen, Pädagogen*innen, Erzieher*innen und Eltern die „Selbstwirksamkeit“ der Kinder und Jugendlichen stärken sollen. Doch was ist das? Schaut man sich die psychologische Literatur zu diesem Thema an, wird deutlich, dass es nicht so sehr um die Selbstwirksamkeit geht, sondern um die Selbstwirksamkeits-Erwartungen. Erwartet ein Kind, dass es etwas bewirken kann? Wenn ja, hat es eine hohe Selbstwirksamkeit, wenn nein, eine niedrige.[1] Doch diese Erwartung ist nur ein Teilaspekt und nicht der wichtigste.

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Kiffen gehört an den Mittagstisch und in den Schulunterricht!

 

 

von Claus Koch

Um den Gebrauch von Marihuana und Haschisch ist eine hitzige gesellschaftliche Diskussion entbrannt. Vordringlich geht es dabei um die Frage, ob man Cannabis künftig legal in kleinen Mengen und zum Selbstgebrauch in dafür lizenzierten Abgabestellen kaufen kann, zum Beispiel in der Apotheke.

Diejenigen, die für eine solche Legalisierung plädieren, führen als Argumente ins Feld, dass eine kontrollierte Abgabe die Gesundheit der User*innen insofern schützt, dass sie wissen, was sie da rauchen oder anderweitig zu sich nehmen. Denn im Park oder an irgendwelchen dunklen Ecken weiß niemand, was ihr oder ihm da buchstäblich angedreht wird. Hinzukommt die Kriminalisierung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die dabei erwischt werden, wenn sie sich, und sei es nur zum Selbstgebrauch, ein paar Gramm besorgen. Eltern können ein Lied davon singen, wenn sie die Mitteilung zugestellt bekommen, dass sich ihr Sohn oder ihre Tochter nach entsprechender Anzeige wegen des Verstoßes gegen das „BtMG“ (Bundesbetäubungsmittelgesetz) bei der nächsten Polizeidienststelle einzufinden haben, manchmal als „Zeugen“, um die Namen der Dealer herauszurücken, oder aber gleich von der Staatsanwaltschaft Post bekommen, die das Verfahren im Übrigen nach kurzer Zeit wieder einstellt. Was dem Familienleben oft nicht besonders gut tut und zu Konflikten führt, die das eigentlich doch gewünschte offene Verhältnis der jungen Leute zu ihren Eltern, auch was den Umgang mit Drogen betrifft, belasten.

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Geplatzte Träume – junge Erwachsene leiden besonders unter den Folgen von Corona

von Dr. Claus Koch

Während am Anfang der Pandemie vor allem ältere Menschen und deren Schutz vor dem Virus im Fokus der Aufmerksamkeit und Berichterstattung standen, sind es zuletzt besonders die Kinder, deren Sorgen (endlich!) mehr Gehör geschenkt wird. Dies auch, weil die Politik nicht mehr umhinkommt, nach den Alarmsignalen von Kinderärzten, Kinder- und Jugendpsychiatern, Psychologen und Therapeuten die psychischen Folgen für diese besonders vulnerable Altersgruppe zu thematisieren. Von den Problemen junger Erwachsener, die sich in Ausbildung oder im Studium befinden, hört man jedoch immer noch zu wenig, obwohl gerade diese Altersgruppe enorm unter den Folgen von Corona leidet. Dies belegen zahlreiche Studien wie auch zuletzt die Ergebnisse einer neuen Untersuchung der Universitäten Hildesheim und Münster: Die psychische Belastung von Studierenden nimmt weiter zu.

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Abschied tut weh……..

 

 

 

In der Grundschule ist ein siebenjähriges Kind, das oft verstört wirkt. Die Mutter klebt sehr an ihm, verabschiedet sich nur schwer und kommt dann jeden Tag nochmal ans Fenster und klopft, bis das Kind reagiert. Was ist zu tun?

Zunächst einmal sollten Sie mit der Mutter reden und sie bitten, ja auffordern, nach dem Abschied nicht mehr zu dem Kind zurückzukommen und an das Fenster zu klopfen. Das stört die Klasse und das Kind. Das beeinträchtigt, dass das Kind lernen kann, sich zu verabschieden. Die Mutter ist Vorbild und sollte sich auch so verhalten. Wenn sie das nicht kann, können Sie ihr empfehlen, dass sie sich selbst Hilfe suchen sollte. Manche Menschen sind so oft und so intensiv allein gelassen worden, dass sie sich nur noch schwer verabschieden können. Da helfen dann nur Beratung oder Therapie. Weiter lesen

Wenn ein Kind zu klug und zu schnell ist …

 

 

Eine Lehrerin fragt:

Ein Kind in meiner sechsten Klasse ist überentwickelt. Es ist zu schnell, zu klug, oft auch altklug. Es bringt sich selbst Sprachen und anderes Wissen bei, muss alles besser wissen und weiß auch vieles. Was kann ich als Lehrerin tun?

Wenn ein Kind überdurchschnittlich intelligent und auch neugierig und wissensdurstig ist, dann braucht es vor allem Unterstützung in den Kontakten zu den anderen Kindern. Oft lehnen andere Kinder dieses Kind als „Streber“ oder „Besserwisser“ ab. Erwachsene bezeichnen es oft als altklug, manchmal sogar als arrogant. Doch was soll das Kind tun? Soll es seine Neugier abwürgen? Soll es sich verstellen, dass es vieles nicht mehr weiß? Solche hochintelligenten und wissensdurstigen Kinder müssen lernen, mit ihren Fähigkeiten umzugehen und sind dabei gelegentlich maßlos, weil sie nicht anders können. Das hat soziale Konsequenzen, die dazu führen können, dass sich die Kinder als Außenseiter oder gemobbt fühlen. Manche Kinder verlieren dann die Lust, überhaupt zur Schule zu gehen. Sie fürchten sich vor der Beschämung und dem Spott anderer. Weiter lesen

Am 18.09.2021 erscheint ein neues Buch von Dr. Udo Baer und Dr. Claus Koch:

„Corona in der Seele – Was Kindern und Jugendlichen wirklich hilft“

Ein Thema, das die Gesellschaft auch „nach Corona“ noch lange beschäftigen wird

Praktische Handlungsvorschläge und konkrete Tipps

Zahlreiche Fallbeispiele aus der pädagogischen Praxis

Die Corona-Pandemie hat massive Auswirkungen auf das Leben von Kindern und Jugendlichen. Angst um die Eltern und Großeltern, Einschränkung der sozialen Kontakte, Wegbrechen von Alltagsstrukturen – all das hinterlässt Spuren in den Kinderseelen. Deshalb müssen wir uns den Kindern und Jugendlichen jetzt zuwenden!
Die Autoren beschreiben die vielfältigen Auswirkungen der Pandemie, erklären die Gründe, warum die Folgen langfristig wirken und wieso Kinder, Jugendliche und ihre Familien auf unterschiedliche Weise betroffen sind. Und sie zeigen detailliert auf, wie ihnen nachhaltig geholfen werden kann: Verständnis zeigen und Gefühle teilen, Sicherheit vermitteln in unsicheren Zeiten, Selbstwirksamkeit und Zusammenhalt stärken durch gemeinsames Tun, durch Offenheit und Vertrauen wieder zueinander finden, Einsamkeit vertreiben durch Förderung sozialer Begegnungen. Konkret und praktisch, mit zahlreichen Fallbeispielen.

1. Auflage 2021
Erscheinungstermin: 18.09.2021
Preis: 18,00 Euro
Bestellung:Hier

Die Hochwasserkatastrophe und die Kinder

von Dr. Claus Koch

Immer wenn im Fernsehen oder anderen Medien über die Hochwasserkatastrophe in NRW, in Rheinland-Pfalz oder anderswo berichtet wurde, fiel auf, dass vor Ort so gut wie keine Kinder zu sehen waren. Im Gegensatz zu Berichten aus Krisen- und Katastrophengebieten in ärmeren Ländern, wo die Kinder oft mit leeren Augen in Kameras starren, wenn sie vor den Resten ihres Zuhauses stehen und zwischen herumliegenden Trümmern wieder anfangen zu spielen. Um wenigstens für kurze Zeit die Schrecken des gerade Erlebten zu vergessen.

Dass uns diese Bilder erspart blieben liegt wahrscheinlich daran, dass die Kinder der von der Flutkatastrophe betroffenen Familien bei uns schnell Aufnahme bei nahen Verwandten gefunden haben, bei Nachbarn oder Freunden, und auf diese Weise „in Sicherheit“ gebracht werden konnten. Dass sie schnell wieder ein Dach über dem Kopf fanden und sich, so schrecklich ihre Eltern auch betroffen waren, dort bekamen, was alle Kinder brauchen: Schutz, Geborgenheit und fürsorgliche Zuwendung.

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Sonderbeitrag: Von einem der auszog, das Entwürdigen zu verbreiten …

von Dr. Udo Baer

Als der Kölner Psychiater Michael Winterhoff 2008 sein Buch veröffentlichte, in dem er zahlreiche Kinder als „Tyrannen“ oder „Monster“ beschimpfte, war die Aufregung groß. Auf der einen Seite wandten sich viele, Pädagog*innen, Psycholog*innen, Therapeut*innen, aber auch Eltern gegen seine Thesen, auf der anderen Seite wurde er in den Massenmedien hochgejubelt und von einer Talkshow zur nächsten gereicht. Nun haben mehrere Kinder in dem kürzlich ausgestrahlten ARD-Film „Warum Kinder keine Tyrannen sind“ erstmals über die Folgen ihrer Behandlung bei Michael Winterhoff gesprochen und auch ihre Eltern haben sich dazu vor der Kamera geäußert. Die Presse hat das Thema aufgegriffen, es gibt bereits Strafanzeigen und Ermittlungen, Abgründe haben sich aufgetan. Diese Entwicklung wirft ein Scheinwerferlicht auf die Auseinandersetzungen um die Kinderwürde – wie sie geführt werden sollte und wie nicht. Dazu fünf Überlegungen:

 

  1. Als damals die Diskussion begann, war ich zunächst verwirrt. Ja, der abwertende Tenor des Winterhoff-Buches gegenüber Kindern und Eltern störte und empörte mich, doch die Debatten, zum Beispiel in einem Spiegel-Streitgespräch, schienen aneinander vorbei zu gehen. Winterhoff wiederholte immer wieder, dass Kindern nicht wie Erwachsene, sondern kindgerecht begegnet werden müsse – ja klar, was denn sonst – und klare Rahmenbedingungen und Vorgaben bräuchten. Andere betonten, dass Kinder vor allem Empathie, Einfühlungsvermögen und respektvolle Fürsorge benötigten. Beide hatten auf dieser Ebene Recht. In unserem Tridentitätskonzept beschreiben wir, dass Kinder für ihre Identitätsentwicklung Nahrung (emotionale und geistige), Spiegel (Feedback) und klare Gegenüber brauchen: UND, nicht entweder-oder.
  2. Doch schon damals war klar, dass hinter den Positionen von Michael Winterhoff schwarze Pädagogik steckte. Es beschimpfte Eltern, die angeblich Kinder verhätschelten und in ihnen einen Partnerersatz sahen. Er betonte die Notwendigkeit von Strafen. Schon die Wortwahl „Tyrannen“ und „Monster“ sprach Bände. Schwarze Pädagogik, die mit Strenge, Strafen und Anordnungen Kinder und Jugendliche „erziehen“ oder besser dressieren will, steht im diametralen Gegensatz zur Kinderwürde.
  3. Ja, es gibt Kinder, die haltlos sind, die maßlos aggressiv werden, die auf nichts und niemanden mehr hören, die manipulieren und herrschen wollen. Solche Kinder und Jugendliche brauchen Halt und klare Gegenüber. Doch diese Kinder sind in Not, oft in tiefer, verzweifelter Not. Sie haben fast immer massive Gewalterfahrungen, vor allem sind sie in vieler Hinsicht mit ihren Äußerungen und Impulsen ins Leere gelaufen. Wenn die ausgestreckte Hand niemanden ergreift, wenn die Stimme der Kinder überhört oder übertönt wird, wenn sie übersehen werden, wenn sie niemanden haben, an den sie sich halten können und der ihnen Halt gibt – dann entsteht Verzweiflung, die sich in Haltlosigkeit und Maßlosigkeit äußert. Wer nur die Oberfläche, die Grenzverletzungen solcher Kinder sieht und nicht auch die Not, die sich dahinter verbirgt, der setzt ihre Entwürdigung fort. Das propagierte Michael Winterhoff.
  4. Nun wird deutlich, dass Entwürdigung und schwarze Pädagogik, auch wenn sie sich als Kinderpsychiatrie tarnt, in Gewalt umschlägt. Michael Winterhoff betrieb eine Praxis und betreute gleichzeitig zahlreiche Kinder in Einrichtungen der Jugendhilfe. Immer wieder „diagnostizierte“ er die Kinder nach einer Einheitsdiagnose, die er selbst erfunden hatte. Das wurde akzeptiert. Den Kindern verschrieb er jahrelang das Neuroleptikum Pimpamperon, das nach Ansichten von Experten nur bei schweren Psychosen und Erregungszuständen verabreicht werden sollte. Die Kinder aber stellte das Präparat ruhig und ließ sie nach eigener Beschreibung willenlos werden. Und das nach jeweils einem kurzen Gespräch mit den Kindern und offenbar manchmal auch ohne die notwendige Einwilligung von Erziehungsberechtigten, wie einige berichteten. Das ist Gewalt.
  5. Dass sich nun betroffene Kinder, die mittlerweile erwachsen sind, und Eltern dagegen auflehnen, ist großartig. Nachdem dies an die Öffentlichkeit kam, wird bereits von einigen Jugendämtern und anderen reagiert und die Zusammenarbeit mit Michael Winterhoff beendet. Vorherige Eingaben der Betroffenen bewirkten nichts. So hoch die Empörungswelle nun hochschwappt, so klar muss sein, dass dies kein Einzelfall ist und kein Problem des Fehlverhaltens einer einzelnen Person. In vielen Bereichen treten Menschen die Kinderwürde mit Füßen und immer wieder mündet die Entwürdigung in Erniedrigung und Gewalt. Und immer wieder gehen Proteste ins Leere.

Es braucht eine Kultur der Kinderwürde. Überall. Kinder brauchen keine Dressur, sondern Begegnung. Kinder brauchen Respekt. Kinder brauchen auch Reibung, aber keine, die sie klein macht, sondern eine, die sie wachsen lässt.

Und Kinder brauchen eine Stimme. Die Geschichte um Michael Winterhoff offenbart, dass die Sicherungen in der Psychiatrie, in der Jugendhilfe und anderen Bereichen anscheinend nicht ausreichen, um Kinder zu schützen. Deswegen brauchen Kinder Anwälte, unabhängige Ombudsmänner und -frauen, an die sie und ihnen vertraute Menschen sich wenden können und die ihren Interessen nach Würdigung nachgehen.