Traumatisierte Kinder sensibel begleiten, Teil 1: Woran Traumata erkennen?

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(aus dem Buch „Traumatisierte Kinder sensibel begleiten. Basiswissen & Praxisideen“ von Udo Baer. Beltz Nikolo 2018)

Es gibt keine allgemeingültigen Listen von Symptomen, an denen erkannt werden kann, ob ein Kind traumatische Erfahrungen machen musste. Es gibt Hinweise– nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der wichtigste Hinweis besteht darin, dass Kinder nach einer traumatischen Erfahrung verstört sind. Sie verhalten sich nicht mehr so wie vorher. Sie wirken anders, zeigen Verhaltensänderungen unterschiedlicher Art.

Jedes Kind reagiert anders. Aber das Verstörtsein ist ein gemeinsam auftretendes Merkmal. Manche Kinder werden sehr unruhig, sind reizbar und schreckhaft. Andere ziehen sich eher zurück. Wieder andere werden aggressiv gegenüber ihrer Umgebung, um einem erneuten Kontrollverlust vorzubeugen. Häufig treten auch Verhaltensweisen auf, die einer früheren Entwicklungsstufe der Kinder entsprechen (im Fachterminus spricht man von »regredieren«). Das heißt, bestimmte Fähigkeiten, die sie bereits erworben haben, gehen verloren; das zeigt sich zum Beispiel in der Sprache oder im Sauberkeitsverhalten oder in anderen Kompetenzen. In jedem Fall haben Kinder während eines traumatischen Erlebens ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit erleben müssen, was sie unsicher macht und bei ihnen die bereits beschriebenen Verhaltensweisen auslöst. Noch einmal ist zu betonen: Es gibt keine verbindlichen Listen mit Phänomenen an denen sich traumatische Erfahrungen festmachen lassen. Es sollte immer ein Gesamtbild hergestellt werden, um ggf. einem Verdacht nachzugehen.

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Kinder ernst nehmen – oder prozesstauglich machen?

Beitrag von Dr. Claus Koch

In unserem Blog vom 26.4. im Beitrag „Die Gesellschaft muss lernen, ihre Kinder ernst zu nehmen“ gehe ich im Zusammenhang mit dem Thema sexualisierter Gewalt auch auf die Vorgänge auf dem Campingplatz in Lüdge ein. Die zahlreichen amtlichen Skandale um den dort stattgefundenen sexuellen Missbrauch an zahlreichen Kinder finden nun in der Frage ihre Fortsetzung, wie mit den Missbrauchsopfern weiterhin umzugehen sei. In einer Mischung aus Hilflosigkeit und Kaltblütigkeit gaben die Polizei Bielefeld und die Staatsanwaltschaft Detmold den Eltern der betroffenen Kinder den Rat, eine Psychotherapie doch erst nach Ende eines Gerichtsprozess zu beginnen.

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„Die Gesellschaft muss lernen, ihre Kinder ernst zu nehmen“

Beitrag von Dr. Claus Koch

 

Geschichten, die zählen – Anfang April dieses Jahres hat die von der Bundesregierung im Mai 2016 ins Leben gerufene „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ ihren ersten Zwischenbericht vorgelegt. Über 1.700 Betroffene von sexualisierter Gewalt hatten sich in den letzten drei Jahren bei ihr gemeldet, über 900 vertrauliche Anhörungen fanden statt, zusätzlich gingen 320 schriftliche Berichte ein. Die Spitze eines Eisberges. Nach der vom Bundesinnenministerium veröffentlichten polizeilichen Kriminalstatistik wurden im vergangenen Jahr 13.683 Kinder als Opfer von sexuellem Missbrauch erfasst – die Dunkelziffer aber liegt weit höher.

Wie die Vorsitzende der Kommission, die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen, in ihrer Erklärung weiterhin ausführte, fanden sich die Opfer in allen gesellschaftlichen Bereichen, über das nahe soziale Umfeld bis hin zu Schule, Kirche und Sport. Allein 56 Prozent der Betroffenen wurden in ihren Familien missbraucht.

Eines der wichtigsten Themen der Kommission sei das „Schweigen der Anderen“ gewesen – von Familienangehörigen, Freunden, Nachbarn, Lehrkräften oder Mitarbeitern des Jugendamtes: „Es ist auffällig, wie häufig das nahe Umfeld und die gesamte Gesellschaft versagt haben und Kinder nicht geschützt wurden.“ Damit hätten sie dazu beigetragen, dass der erlebte Missbrauch nicht beendet und später die Aufarbeitung verhindert wurde. Für Prävention und Kinderschutz sei es zentral, diesen Widerständen und dem Schweigen etwas entgegenzusetzen.

 

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Familie – Krankheit – Selbsthilfe

Beitrag von Dr. Udo Baer

Familie Keller sitzt zusammen bei einer Geburtstagsfeier. Zehn Familieangehörige – Väter, Mütter, Kinder, Enkel, Geschwister – essen miteinander und unterhalten sich. Der Familienvater möchte die Suppe einschenken, seine Hand zittert, er kleckert und lässt schließlich die Kelle fallen. Bleich setzt er sich. Er sagt: „Ich wollte es eigentlich erst nachher sagen: Ich bin krank.“ Er informiert die Familie darüber, dass er an einer chronischen Krankheit leidet und zunehmend zu einem Pflegefall werden wird.

Sofort zeigt sich, dass eine Familie mehr ist als Verwandtschaft und regelmäßige Treffen: Jede Familie hat bestimmte Arten der Kommunikation, der Hierarchien von Aufmerksamkeit und Einfluss, hat Selbstbilder, Atmosphären und andere Eigenschaften. Wie dieses Familiensystem erlebt wird, ändert sich durch eine Krankheit, v.a. eine chronische oder lebensbedrohliche Erkrankung.

Was sich verändern kann, zeigen Studien und Auswertungen unserer Therapie- und Gruppen-Erfahrungen. Betrachten wir als Beispiel Familie Keller:

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„Spätzünder?“

Ein Beitrag von Dr. Udo Baer

Vor kurzem erfreute ich mich daran, wie toll ein kleines Mädchen schon durch den Hof lief und ihre Welt zu entdecken versuchte. Ich sagte der Mutter, wie wunderbar ich es finde, dass ihre Tochter laufen könne und mutig immer wieder auf`s Neue losgehe. Sie freute sich auch, entgegnete mir dann aber in einem entschuldigenden Tonfall: „Sie ist aber ein Spätzünder. Sie läuft ja jetzt erst, mit 16 Monaten …“

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neues Buch von Udo Baer: Traumatisierte Kinder sensibel begleiten – Basiswissen & Praxisideen

 

 

Traumatisierte Kinder sensibel begleiten
Basiswissen & Praxisideen

Dieses Buch ist soeben in der Reihe Nikolo bei Beltz erschienen und überall erhältlich.
Es ist vor allem für Fachkräfte in Kindergärten und Kitas geschrieben, aber auch für Grundschul-Lehrerer/innen und Therapeut/innen
ein nützlicher „Handwerkskoffer.

 

Traumatisierte Kinder sensibel begleiten
Basiswissen und Praxisideen,
Beltz Verlag, ca. 128 Seiten, ISBN:978-3-407-72766-4
Bestellung hier

„Für die sensible Trauma-Begleitung von Kindern bietet dieses Praxisbuch:

  • kompaktes Basiswissen rund um Traumata bei Kindern, z. B.: Was ist ein Trauma? Welche Ursachen und  Folgen kann es haben? Wie lässt es sich erkennen? Was tue ich bei einem Verdacht   und wie sollte ich mich verhalten?
  • einen umfassenden Praxisteil mit einer breiten Palette an Informationen und Angeboten, wie Kinder (trauma-)sensibel begleitet werden können, u. a. Gesprächshinweise, Fallbeispiele sowie Spiele und Übungen, die der Stärkung und der Überwindung von Traumafolgen dienen
  • zahlreiche Bilderbuchtipps, die Kindern und Fachkräften den gemeinsamen Zugang erleichtern. Die Ideen und Aktivitäten richten sich an die gesamte Kita-Gruppe, sodass die Fachkräfte gemeinsam mit allen Kindern einen sensiblen und unterstützenden Umgang mit dem Thema Trauma erfahren.“

Gesundheit Teil 1: Mein Kind ist krank – was habe ich falsch gemacht?

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Ein Beitrag von Dr. Udo Baer

Oft stellen sich Eltern diese Frage. Als Antwort entstehen ganz schnell Schuldgefühle: „Ich habe nicht genug aufgepasst, sonst hätte ich verhindern können, dass meine Tochter gefallen ist …“„Ich hätte das Kind anders ernähren sollen, dann wäre die Neurodermitis nicht ausgebrochen …“ „Wir waren bei einem Arzt, der das Kind nicht richtig behandelt hat. Das hätten wir doch vorher merken müssen …“

Immer wieder treten Schuldgefühle auf, wenn Kinder krank werden. Die Eltern sorgen sich nicht nur um die Genesung der Kinder, sondern machen sich auch selbst Vorwürfe, dass sie die Krankheit nicht richtig behandelt haben oder aber im Vorfeld die Erkrankung des Kindes nicht verhindert haben.

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Flüchtlingen (nicht) helfen?

Ein Beitrag von Dr. Claus Koch

 

Schon kleine Kinder haben, wie wissenschaftliche Studien zeigen, ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit. Hindert ein blaues Viereck einen Ball daran, einen Hang hinaufzurollen und ist ein grünes Dreieck hingegen bemüht, dem Ball durch Anschubsen aufwärts zu helfen, bevorzugen schon die Allerkleinsten die Farbe des „Helfers“.

In den vergangenen Wochen ist, angestoßen durch einen zumindest missverständlichen Beitrag in der liberalen Wochenzeitung „Die Zeit“, erneut ein Diskussion darüber entbrannt, ob man in Seenot geratene Flüchtlingen vor dem Ertrinken retten soll, bzw. ob durch solche Rettungsaktionen nicht das Geschäft von Schleusern unterstützt werde, die auf die Rettung von in Seenot geratenen Flüchtlingen schließlich spekulieren würden. Während der Artikel in der „Zeit“ die Frage noch offen ließ, machen fremdenfeindliche Parteien jedweder Couleur keinen Hehl daraus, diese Menschen „zur Abschreckung“ auch mal ertrinken zu lassen. In beiden Fällen geht es um dieselbe Fragestellung, nämlich ob es erlaubt ist, Menschen, die in Seenot geraten, aus einem übergeordneten Prinzip heraus ihrem Schicksal überlassen. Darum, dass die Würde des Menschen eben nicht unteilbar ist, wie es unser Grundgesetz festschreibt, sondern je nach politischer Einschätzung Einschränkungen erlaubt sind.

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Seit 21.07.2018 im Handel, das neue Buch von Udo Baer „Die Weisheit der Kinder“

Warum spielen Kinder Verstecken? Warum lassen die Kleinen so oft den Löffel fallen? Und was bedeutet es, wenn manche Kinder nicht spielen können?

Dem erfahrenen Pädagogen Udo Baer gelingt es, die Verhaltensweisen und Äußerungsformen von Kindern aller Altersstufen aus ihrer Perspektive zu entschlüsseln und den unbewussten Sinn darin deutlich zu machen. Das betrifft die verschiedensten Aspekte kindlichen Erlebens: die alltäglichen Lebensäußerungen, wie sie sich in Spielen und typischen Vorlieben oder Ablehnungen von Kindern äußern, und auch die besonderen Verhaltensweisen, die auf schwierige Lebensumstände antworten. Die »Weisheit der Kinder« zeigt sich überall, wenn Eltern und Erzieher sie richtig zu deuten wissen und sensibel darauf eingehen. Wie das gelingt, zeigen die im Buch enthaltenen »Empfehlungen für liebende Eltern«.

 

Udo Baer
Die Weisheit der Kinder
Wie sie fühlen, denken und sich mitteilen

Klett-Cotta Verlag, ca. 160 Seiten, broschiert
ca. € 16,– (D)/€ 16,50 (A)
ISBN 978-3-608-86122-8
Erscheinungstermin: 21. Juli 2018     Bestellung hier

Zum Buch erscheinen in regelmäßigen Abständen Videos im Youtube-Kanal: Die Weisheit der Kinder

Elternarbeit in Schule und Kindergarten, Teil 7: Ihre Fachkompetenz und Ihre Würde

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Beitrag von Dr. Udo Baer

Immer wieder einmal erfahren in Elterngesprächen Fachkräfte, dass ihre Vorschläge und Anregungen nicht angenommen werden. Ihre professionelle Haltung fordert dann, sich weiter zu bemühen, mit den Eltern gemeinsam Lösungen zu finden und vor allem nach Wegen zu suchen, um eine Vertrauensbasis herzustellen, auf deren Boden dann überhaupt erst die Suche nach Lösungen möglich ist. Doch Sie sollten nicht vergessen, dass Sie Fachfrauen oder Fachmänner sind. Sie können durchaus sagen: „Als Fachfrau schlage ich vor, dass ….“ Selbstverständlich wäre es besser, wenn solche Einsichten sich im Gespräch gemeinsam entwickeln, aber manchmal gelingt dies nicht. Dann ist die Betonung Ihrer fachlichen Kompetenz unabdingbar.

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