Trennung und Scheidung (Teil 4) Residenzmodell, Wechselmodell oder Nestmodell? Zur aktuellen Diskussion.

Beitrag von Claus Koch

siehe auch das Buch zum Thema:

CK

In letzter Zeit ist unter Experten und ebenso unter Eltern eine heftige Diskussion über das „richtige“ Betreuungsmodell für die Kinder nach der Trennung und Scheidung entstanden. Im juristischen Jargon geht es dabei um das „Aufenthaltsbestimmungsrecht“, mit anderen Worte darum, wo, wie lange und wann sich das Kind beim getrennten Partner aufhält. Zusätzlichen Zündstoff erhielt die Diskussion dadurch, dass sich der Bundesgerichtshof im Februar 2017 dafür aussprach, unter bestimmten Umständen dem „Wechselmodell“ gegenüber dem „Residenzmodell“ den Vorzug zu geben, mit anderen Worten, dass es unter bestimmten Bedingungen auch gegen den Willen des Expartners juristisch durchgesetzt werden kann. Insbesondere wurde dieses Urteil von den bislang beim Residenzmodell zu kurz gekommenen Vätern dankbar aufgegriffen.

Weiter lesen

Trennung und Scheidung (Teil 3). Gibt es langfristige Folgen für Kinder und Jugendliche von Eltern, die sich getrennt haben?

Beitrag von Claus Koch

Betrachtet man die Häufigkeit von Trennungen und Scheidungen und wie viele Kinder davon betroffen sind, dann ist erstaunlich, wie wenige wissenschaftliche Studien sich mit den für sie langfristigen Folgen beschäftigen. Eigentlich gibt es nur zwei us-amerikanische Langzeitstudien, die, obwohl sie beide schon länger zurückliegen, immer wieder zitiert werden. Auf sie werde ich im Folgenden näher eingehen sowie auf eine dritte Studie, die jüngeren Datums ist, und die seit einigen Jahren am Deutschen Jugendinstitut in München erhoben wird.

Weiter lesen

Trennung und Scheidung aus bindungstheoretischer Sicht (Teil 2) Was geht in den Eltern vor?

Für Eltern bedeutet die Trennung keine einfach Situation, auch wenn manche von ihnen zu dem Mittel greifen, sie zu bagatellisieren oder sie sich schönzureden. In den meisten Fällen aber beherrschen Wut und Aggression, Schuldgefühle, Ohnmacht und depressive Verstimmungen das Gefühlsleben, die oft auch mit vorübergehenden Rückzug einhergehen können. Auch Flucht in Arbeit, aber ebenso Arbeitsstörungen können die Folge sein. Darüber hinaus können sich alle diese Gefühle auch mit vielfältigen psychosomatischen Symptomen Ausdruck verschaffen. Wie bei den Kindern spielt auch ihre Bindungsgeschichte eine bedeutende Rolle, wie sie mit der Situation umgehen und sich ihre erworbenen Bindungsmuster auf die nachstehend näher beschriebenen Gefühle positiv oder negativ auswirken. Darüber, wie sich unterschiedliche Bindungsmuster aus der frühen Kindheit, ob zum Beispiel sicher oder unsicher gebunden, auf ihre Bewältigungsstrategien auswirken, liegen allerdings bislang kaum wissenschaftliche Untersuchungen vor.

Weiter lesen

Trauer (Teil2): Rituale der Trauer und des Abschieds

Eine Klientin erzählte, dass sie als Kind die Oma tief und innig geliebt hatte. Doch plötzlich war die Oma weg. Sie war an einem Herzinfarkt gestorben. Zur Beerdigung durfte die damals Siebenjährige nicht mit. Die Eltern wollten ihr das „ersparen“.

Das war von den Eltern sicherlich gut gemeint, schadete aber dem Kind. Es konnte sich nicht von der Oma verabschieden. Deshalb blieb der Schmerz um den Verlust in ihr und belastete sie noch als erwachsene Frau.

Weiter lesen

Trennung und Scheidung aus bindungstheoretischer Sicht (Teil1) “ Was geht in Kindern und Eltern vor“

Vorbemerkung zur vierteiligen Serie zum Thema „Trennung und Scheidung“

Jedes Jahr lassen sich in Deutschland etwa 160.000 verheiratete Paare scheiden, womit laut Mikrozensus jährlich etwa 130.000 bis 140.000 minderjährige Scheidungskinder neu dazukommen. Und da Trennungskinder von Eltern ohne Trauschein in den amtlichen Statistiken nicht auftauchen, dürfte die Anzahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen noch wesentlich höher liegen. Das wären dann jährlich in etwa so viele Scheidungskinder wie eine mittlere Großstadt in Deutschland Einwohner hat. Obwohl mit dieser hohen Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die mit der Trennung ihrer Eltern oftmals eine traumatische Erfahrung verbinden, immer auch eine besondere erzieherische Herausforderung mit ungewissem Ausgang für ihre Eltern verbunden ist, liegen erstaunlich wenige wissenschaftliche Studien vor, wie sich die Trennung der Eltern auf ihre Kinder auswirkt und mit welchen, auch langfristigen Folgen zu rechnen ist. Hinzukommen Erzieherinnen und Lehrer, die nur über wenige Kenntnisse darüber verfügen, wie sie in Kita und Schule Kindern, deren Eltern sich gerade getrennt haben, professionell zu Hilfe kommen können. Auch beschäftigen sich die bestehenden Untersuchungen und Veröffentlichungen häufig nur mit der Sicht der Eltern, zum Beispiel, wenn es um geeignete Betreuungsmodelle geht, und die Erlebniswelt der Kinder, die doch das schwächste Glied in diesem Geschehen darstellen, gerät oft in den Hintergrund.

In vier Teilen will ich mich deshalb aus bindungstheoretischer Sicht etwas ausführlicher mit dieser Thematik befassen. In den ersten beiden Teilen wird es darum gehen, die Kenntnisse darüber zu vertiefen, was in den Kindern und ihren Eltern bei Trennung und Scheidung vor sich geht. Dem schließt sich im dritten Teil die Frage an, ob und welche Langzeitwirkungen die Trennung der Eltern für Kinder und Jugendliche haben kann. Im vierten und letzten Teil geht es schließlich um die aktuelle Diskussion darüber, welches Aufenthaltsmodell für Kinder getrennter Eltern das Beste ist. Wer mehr darüber lesen möchte, wie Eltern die Trennungssituation gemeinsam mit ihren Kindern am besten bewältigen und über Schutzfaktoren, die Kindern und Jugendlichen weiterhelfen, verweise ich auf mein zusammen mit dem Familienrichter Christoph Strecker geschriebenes  Buch „Kindern bei Trennung und Scheidung helfen. Psychologischer und juristischer Rat für Eltern“, dessen vierte Auflage kürzlich im Beltz Verlag erschienen ist.

 Was geht in den Kindern vor?

Weiter lesen

Trauer (Teil1): Die Trauer der Kinder ernst nehmen

Vor einigen Monaten hörte ich, dass die Erzieherin eines Kindergartens in Rente ging und sich von den Kindern ihrer Gruppe mit einer kleinen Feier verabschieden wollte. Sie sagte vorher den Kindern: „Wenn ihr nicht weint, dann bekommt ihr ein Geschenk.“ Welche ein Unglück. Warum sollen Kinder nicht weinen, wenn eine Erzieherin, die sie mögen und der sie verbunden sind, geht? Trauern ist das Gefühl des Loslassens. Die Kinder müssen diese Erzieherin loslassen und das ist traurig. Weinen ist ein Ausdruck dieser Traurigkeit und es ist gut, die Tränen zu zeigen.

Weiter lesen

Halt geben statt Grenzen setzen

Es scheint zurzeit sehr in Mode zu sein, Mauern zu bauen, Sperrzäune zu errichten oder Grenzen wieder enger zu ziehen. Egal, ob Trump sein Bauwerk gegen illegale Einwanderer aus Mexiko errichten lassen will, die EU versucht, sich mit Stacheldraht unerwünschten Flüchtlingen aus Nordafrika zu erwehren oder Rechtspopulisten wieder überall Grenzpfähle aufstellen und Grenzen ziehen möchten, immer geht es ihnen darum, sich vor schädlichen Einflüssen, die von außen kommen, „schützen“ zu wollen. Als würde ein „Feind“ vor der Tür stehen. Was sich hier in der großen Politik abspielt, soll nun auch vor der Erziehung unserer Kinder nicht Halt machen, zumindest sehen das manche so. Das Kind als natürlichen Feind.

Weiter lesen

Das Märchen von Peter Pan

das-maerchen-von-peter-pan

»Er genoss Freuden in Hülle und Fülle, die andere Kinder nie kennenlernen; aber er schaute durchs Fenster auf das einzige Glück, das ihm ewig verwehrt bleiben musste.«

James M. Barrie, aus: »Peter Pan«

Als Junge, der nicht erwachsen werden will und sich auf der Insel Nimmerland den Traum eines jeden Kindes erfüllt, einfach nur das zu tun, was einem gerade einfällt, begegnet uns Peter Pan in unzähligen Verfilmungen, Musicals und Theaterstücken. Doch ganz so verlockend und Kindern zur Nachahmung empfohlen, wie es auf den ersten Blick aussieht, ist diese Geschichte, die sich der schottische Schriftsteller James Matthew Barrie vor mehr als 100 Jahren ausgedacht hat, dann doch nicht. Denn in Wirklichkeit geht es in dem Märchen vor allem um Elternliebe und Verlassenwerden. Darum, wem wir noch vertrauen können, wenn schon der Beginn unserer Lebensgeschichte vermasselt ist.

Da wäre zunächst Peter Pan selbst, das Kind, das partout nicht erwachsen werden will. Der Wendy und ihre beiden jüngeren Brüder überredet, mit ihm aus dem Fenster ihres Kinderzimmers nach Nimmerland zu fliegen. Neben seiner Abenteuerlust fällt bei ihm zunächst ein unbändiger Hass auf Erwachsene auf, der wohl mit seiner fixen Idee zu tun hat, ewig ein Kind bleiben zu wollen, woran ihn seine Eltern ursprünglich hindern wollten: »An meinem Geburtstag bin ich weggelaufen, weil ich nämlich gehört habe, wie Vater und Mutter darüber redeten, was ich werden sollte, wenn ich erwachsen bin. […] Ich will nicht erwachsen werden. Ich will immer ein kleiner Junge bleiben und Spaß haben. Und darum bin ich zum Kensington Park weggelaufen und habe lange bei den Elfen gelebt.«

 

So zumindest erzählt er es seiner Gegenspielerin, der etwa 12-jährigen Wendy, in einer von mehreren Versionen, in denen es um seine Geburt und frühe Kindheit geht. Doch sein Hass auf die Erwachsenenwelt hat noch gewichtigere Gründe, und wir erfahren sie wenig später von ihm in einer anderen Fassung seiner Entstehungsgeschichte: »Vor langer Zeit habe ich wie ihr geglaubt, dass meine Mutter das Fenster immer für mich offen hält, und so bin ich Monde und Monde und Monde fortgeblieben und dann zurückgeflogen; doch das Fenster war verriegelt, denn Mutter hatte mich ganz und gar vergessen, und ein anderer kleiner Junge schlief in meinem Bett.«

 

Wie alle Kinder auf der Welt hatte also auch Peter Pan zu Beginn seiner Existenz felsenfest an die unbedingte Liebe seiner Eltern geglaubt: »›Das Fenster, aus dem ich hinausgeflogen bin, wird offen sein […] Mutter lässt es stets offen in der Hoffnung, dass ich zurückkomme.‹ ›Woher weißt du das?‹ ›Ich weiß es eben.‹« Aber dann passiert ihm etwas Ungeheuerliches: Seine Mutter versperrt ihm nicht nur den Weg, um nach einem seiner nächtlichen Ausflüge wieder zu ihr zurückzukehren, sondern hat ihn darüber hinaus durch ein anderes Kind ersetzt und damit seiner Identität beraubt – er ist für sie austauschbar und damit buchstäblich zu einem Nichts geworden. »Mutter, Mutter«, fleht er völlig verzweifelt in einer dritten Version dieser Urszene, »aber sie hörte ihn nicht; vergeblich schlug er seine kleinen Hände gegen die Eisenstäbe. Er musste schluchzend zum Park zurückfliegen, und er sah sie nie wieder.«

 

Das vormals geöffnete und jetzt geschlossene Fenster wird damit zur Schlüsselszene in dem Buch, die alles Weitere bestimmt: Denn Peter klammert sich fortan wie besessen an sein Kindsein und lehnt die Welt der Erwachsenen komplett ab. Er versammelt um sich eine Schar »Verlorener Jungen«, die ebenfalls von ihren Eltern verlassen wurden, und macht sich zu ihrem Anführer. Und so steht das geöffnete Fenster in der Geschichte von Peter Pan als Symbol für das Urvertrauen jedes Kindes in seine wichtigsten Bezugspersonen, nämlich da zu sein, wenn man sie braucht. Ein Urvertrauen, das so stark ist, dass sich selbst beim verlassenen Peter Pan noch Reste von ihm finden lassen, in seinem manchmal versteckten, und manchmal offen geäußerten Begehren, Wendy für sich als neue Mutter zu gewinnen. Wendy hingegen bezieht ihre Stärke aus dem festen Glauben an die Liebe ihrer Eltern, aus der Gewissheit, dass das Fenster bei ihrer Rückkehr aus dem Nimmerland immer für sie offen steht: »Wendy sorgte sich nicht wirklich um Vater und Mutter; sie war völlig überzeugt, dass die Eltern das Fenster immer für sie offen ließen, damit sie zurückfliegen konnte, und das beruhigte sie vollkommen.« Womit bei ihr das geöffnete Fenster nicht nur anzeigt, dass sie stets zu ihren Eltern zurückkehren kann, egal, was sie auch anstellt, sondern dass sie es umgekehrt auch benutzen kann, die Welt allein für sich zu erkunden, um später einmal selbstständig und erwachsen zu werden.

In der von John Bowlby und Mary Ainsworth entwickelten und mittlerweile durch eine Fülle von Beobachtungen und empirischen Untersuchungen validierten  Bindungstheorie steht dies für eine gelungene Bindung: Das Kind besitzt das Vertrauen in einen  „sicheren Hafen“ bei seinen Eltern und traut sich anderseits schon früh, von dort aus seine Umwelt zu erkunden. In der Gewissheit, dass es nach seinem „Ausflug“ die Eltern wieder dort findet, wo es sie verlassen hat.

 

»Peter Pan«, von den meisten als Abenteuergeschichte eines kleinen Jungen gelesen und erinnert, ist also – vom Autor freilich unbeabsichtigt – auch eine Parabel über gute und weniger gute Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit. Peter Pans Bindungsverhalten bleibt aufgrund des ihm zugefügten Traumas in hohem Maße ambivalent. Zum einen verabscheut er alle Mütter, zum anderen fühlt er sich zu ihnen in einer tiefen Sehnsucht hingezogen. Auch kann man aus dieser Geschichte herauslesen, wie späteres Erwachsenwerden gelingen kann, wenn man in der Lage ist, die Fixierung auf seine Kindheit zu überwinden. Die Voraussetzung, dass Kinder später einmal wirklich erwachsen werden, setzt voraus, dass man von Anfang an zu ihnen hält und sie stets willkommen heißt. Weist man jedoch ihr anfänglich unbedingtes Vertrauen zurück und lässt sie im Stich, bleiben sie mit ihrer unstillbaren Sehnsucht, dort anzukommen, wo jemand auf sie wartet, orientierungslos in einem Niemandsland zurück. Und das geöffnete Fenster zeigt sich ihnen innerlich, im schlimmsten Fall für immer, verschlossen.

 

 

Claus Koch ist der Autor des Buches: Pubertät war erst der Vorwaschgang. Wie junge Menschen erwachsen werden und ihren Platz im Leben finden, das im Herbst 2016 im Gütersloher Verlagshaus erschienen ist.

Die WLAN-Puppe im Kinderzimmer? Bindungstheoretische Überlegungen zu interaktivem Spielzeug (Teil 2 von 2)

Eines ihrer schönsten Spiele besteht für Kinder schon ab zwölf Monaten, spätestens ab zwei Jahren und aufwärts darin, sich mit ihrer Puppe, ihrem Bären oder einem anderen Plüschtier zu unterhalten. In diesem Dialog kommt alles zum Tragen, was sie bisher – u. a. auch aus der Bindungssituation zu ihren Eltern – gelernt und erfahren haben. Da wird geliebt, ermahnt, gefüttert, umarmt, gedroht und geknuddelt, d.h. der ganze Kosmos eines Kinderlebens wird zur Geltung gebracht und kann dialogisch buchstäblich zur Sprache gebracht werden. Weiter lesen

Die WLAN-Puppe im Kinderzimmer? Bindungstheoretische Überlegungen zu interaktivem Spielzeug (Teil 1 von 2)

Künstliche Intelligenz – ein Begriff, der den bezeichneten Sachverhalt ganz gut trifft – hält zunehmend Einzug ins Kinderzimmer, egal ob es sich um Lerncomputer mit Kamera und Bewegungssensor für 5-Jährige und ältere Kinder handelt, um vernetzte Spielzeuge oder Apps für die Allerkleinsten.

Weiter lesen