Wie Pädagogik die Identität fördert

Alle Jahre wieder kocht die pädagogische Diskussion hoch, ob man Kinder mehr unterstützen und fördern soll oder eben stärkere Rahmenbedingungen setzen und sich ihnen mehr als ein Gegenüber verhalten soll. Diese Diskussion zwischen „harter“ und „weicher“ Pädagogik, zwischen „Unterstützung“ und „Grenzen“, ist so alt, wie es die Diskussion um Erziehung und Pädagogik gibt. Eine Orientierung in dieser Diskussion können wir finden, wenn wir uns damit beschäftigen, welchen Einfluss die Erziehung und Pädagogik auf die Identitätsentwicklung eines Kindes hat.

Der Wortstamm des Begriffes „Identität“ enthält das Wort „idem“ aus dem Lateinischen, das „derselbe“ bedeutet. Identität beinhaltet die Eigenheit, das Besondere eines Menschen. Stefan Jakobs nimmt sich als Stefan Jakobs wahr, egal ob er 7, 17 oder 70 Jahre alt ist, ob sich sein Gewicht, seine Frisur, seine Kleidung verändert, und er wird von anderen als Stefan Jakobs „identifiziert“.

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Das Märchen von Peter Pan

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»Er genoss Freuden in Hülle und Fülle, die andere Kinder nie kennenlernen; aber er schaute durchs Fenster auf das einzige Glück, das ihm ewig verwehrt bleiben musste.«

James M. Barrie, aus: »Peter Pan«

Als Junge, der nicht erwachsen werden will und sich auf der Insel Nimmerland den Traum eines jeden Kindes erfüllt, einfach nur das zu tun, was einem gerade einfällt, begegnet uns Peter Pan in unzähligen Verfilmungen, Musicals und Theaterstücken. Doch ganz so verlockend und Kindern zur Nachahmung empfohlen, wie es auf den ersten Blick aussieht, ist diese Geschichte, die sich der schottische Schriftsteller James Matthew Barrie vor mehr als 100 Jahren ausgedacht hat, dann doch nicht. Denn in Wirklichkeit geht es in dem Märchen vor allem um Elternliebe und Verlassenwerden. Darum, wem wir noch vertrauen können, wenn schon der Beginn unserer Lebensgeschichte vermasselt ist.

Da wäre zunächst Peter Pan selbst, das Kind, das partout nicht erwachsen werden will. Der Wendy und ihre beiden jüngeren Brüder überredet, mit ihm aus dem Fenster ihres Kinderzimmers nach Nimmerland zu fliegen. Neben seiner Abenteuerlust fällt bei ihm zunächst ein unbändiger Hass auf Erwachsene auf, der wohl mit seiner fixen Idee zu tun hat, ewig ein Kind bleiben zu wollen, woran ihn seine Eltern ursprünglich hindern wollten: »An meinem Geburtstag bin ich weggelaufen, weil ich nämlich gehört habe, wie Vater und Mutter darüber redeten, was ich werden sollte, wenn ich erwachsen bin. […] Ich will nicht erwachsen werden. Ich will immer ein kleiner Junge bleiben und Spaß haben. Und darum bin ich zum Kensington Park weggelaufen und habe lange bei den Elfen gelebt.«

 

So zumindest erzählt er es seiner Gegenspielerin, der etwa 12-jährigen Wendy, in einer von mehreren Versionen, in denen es um seine Geburt und frühe Kindheit geht. Doch sein Hass auf die Erwachsenenwelt hat noch gewichtigere Gründe, und wir erfahren sie wenig später von ihm in einer anderen Fassung seiner Entstehungsgeschichte: »Vor langer Zeit habe ich wie ihr geglaubt, dass meine Mutter das Fenster immer für mich offen hält, und so bin ich Monde und Monde und Monde fortgeblieben und dann zurückgeflogen; doch das Fenster war verriegelt, denn Mutter hatte mich ganz und gar vergessen, und ein anderer kleiner Junge schlief in meinem Bett.«

 

Wie alle Kinder auf der Welt hatte also auch Peter Pan zu Beginn seiner Existenz felsenfest an die unbedingte Liebe seiner Eltern geglaubt: »›Das Fenster, aus dem ich hinausgeflogen bin, wird offen sein […] Mutter lässt es stets offen in der Hoffnung, dass ich zurückkomme.‹ ›Woher weißt du das?‹ ›Ich weiß es eben.‹« Aber dann passiert ihm etwas Ungeheuerliches: Seine Mutter versperrt ihm nicht nur den Weg, um nach einem seiner nächtlichen Ausflüge wieder zu ihr zurückzukehren, sondern hat ihn darüber hinaus durch ein anderes Kind ersetzt und damit seiner Identität beraubt – er ist für sie austauschbar und damit buchstäblich zu einem Nichts geworden. »Mutter, Mutter«, fleht er völlig verzweifelt in einer dritten Version dieser Urszene, »aber sie hörte ihn nicht; vergeblich schlug er seine kleinen Hände gegen die Eisenstäbe. Er musste schluchzend zum Park zurückfliegen, und er sah sie nie wieder.«

 

Das vormals geöffnete und jetzt geschlossene Fenster wird damit zur Schlüsselszene in dem Buch, die alles Weitere bestimmt: Denn Peter klammert sich fortan wie besessen an sein Kindsein und lehnt die Welt der Erwachsenen komplett ab. Er versammelt um sich eine Schar »Verlorener Jungen«, die ebenfalls von ihren Eltern verlassen wurden, und macht sich zu ihrem Anführer. Und so steht das geöffnete Fenster in der Geschichte von Peter Pan als Symbol für das Urvertrauen jedes Kindes in seine wichtigsten Bezugspersonen, nämlich da zu sein, wenn man sie braucht. Ein Urvertrauen, das so stark ist, dass sich selbst beim verlassenen Peter Pan noch Reste von ihm finden lassen, in seinem manchmal versteckten, und manchmal offen geäußerten Begehren, Wendy für sich als neue Mutter zu gewinnen. Wendy hingegen bezieht ihre Stärke aus dem festen Glauben an die Liebe ihrer Eltern, aus der Gewissheit, dass das Fenster bei ihrer Rückkehr aus dem Nimmerland immer für sie offen steht: »Wendy sorgte sich nicht wirklich um Vater und Mutter; sie war völlig überzeugt, dass die Eltern das Fenster immer für sie offen ließen, damit sie zurückfliegen konnte, und das beruhigte sie vollkommen.« Womit bei ihr das geöffnete Fenster nicht nur anzeigt, dass sie stets zu ihren Eltern zurückkehren kann, egal, was sie auch anstellt, sondern dass sie es umgekehrt auch benutzen kann, die Welt allein für sich zu erkunden, um später einmal selbstständig und erwachsen zu werden.

In der von John Bowlby und Mary Ainsworth entwickelten und mittlerweile durch eine Fülle von Beobachtungen und empirischen Untersuchungen validierten  Bindungstheorie steht dies für eine gelungene Bindung: Das Kind besitzt das Vertrauen in einen  „sicheren Hafen“ bei seinen Eltern und traut sich anderseits schon früh, von dort aus seine Umwelt zu erkunden. In der Gewissheit, dass es nach seinem „Ausflug“ die Eltern wieder dort findet, wo es sie verlassen hat.

 

»Peter Pan«, von den meisten als Abenteuergeschichte eines kleinen Jungen gelesen und erinnert, ist also – vom Autor freilich unbeabsichtigt – auch eine Parabel über gute und weniger gute Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit. Peter Pans Bindungsverhalten bleibt aufgrund des ihm zugefügten Traumas in hohem Maße ambivalent. Zum einen verabscheut er alle Mütter, zum anderen fühlt er sich zu ihnen in einer tiefen Sehnsucht hingezogen. Auch kann man aus dieser Geschichte herauslesen, wie späteres Erwachsenwerden gelingen kann, wenn man in der Lage ist, die Fixierung auf seine Kindheit zu überwinden. Die Voraussetzung, dass Kinder später einmal wirklich erwachsen werden, setzt voraus, dass man von Anfang an zu ihnen hält und sie stets willkommen heißt. Weist man jedoch ihr anfänglich unbedingtes Vertrauen zurück und lässt sie im Stich, bleiben sie mit ihrer unstillbaren Sehnsucht, dort anzukommen, wo jemand auf sie wartet, orientierungslos in einem Niemandsland zurück. Und das geöffnete Fenster zeigt sich ihnen innerlich, im schlimmsten Fall für immer, verschlossen.

 

 

Claus Koch ist der Autor des Buches: Pubertät war erst der Vorwaschgang. Wie junge Menschen erwachsen werden und ihren Platz im Leben finden, das im Herbst 2016 im Gütersloher Verlagshaus erschienen ist.

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