Traumatisierte Kinder sensibel begleiten, Teil 3: Keine Angst vor Gefühlen

 

 

 

Beitrag von Dr. Udo Baer

(aus dem Buch „Traumatisierte Kinder sensibel begleiten. Basiswissen & Praxisideen“ von Udo Baer. Beltz Nikolo 2018)

Wenn ein Kind, das traumatische Erfahrungen erleben musste, mit Interesse und Zuneigung begleitet wird, kann es dazu führen, dass in dem Kind Gefühle lebendig werden. Ein Kind malt zum Beispiel ein traumatisches Ereignis. Die Fachkraft interessiert sich dafür. Das Kind spürt das, wird aufgeregt und zeigt Ängste. Manche Menschen denken, dass wäre eine erneute Traumatisierung des Kindes. Dem ist nicht so. Wenn das Kind sich öffnet und eine Beziehung mit einer vertrauten Person aufbaut, dann können und werden häufig Gefühle sichtbar und lebbar, die das Kind beschäftigen. Es ist für das Kind gut, dass es diese Gefühle teilt. Es hilft, dass die Kinder nicht alleine sind, sondern dass andere da sind, die zuhören, sich interessieren, trösten und begleiten.

Weiter lesen

Hungrig zur Schule – wenn das Frühstück ausfällt

 

Von Claus Koch

Jedes zehnte Grundschulkind geht mit leerem Magen aus dem Haus, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach. Auf die knapp drei Millionen Grundschüler in Deutschland sind das rund 300.000 Schülerinnen und Schüler, die morgens die Wohnung ihrer Eltern – oft auch ohne ausreichendes Pausenbrot – verlassen. Wobei nicht nur sie und ihr ungestillter Hunger das Problem sind, denn darüber hinaus gibt es etwa genauso viele Schüler, die morgens zu Hause zwar frühstücken, aber allein. Was auch damit zu tun haben könnte, dass heute jedes fünfte Kind mit einem alleinerziehenden Elternteil zusammenlebt. Beginnt dessen Arbeit früher als Schule und Hort, müssen viele Kinder dann schon in der Frühe für sich selbst sorgen.

Weiter lesen

Das neue Buch von Claus Koch: „Trennungskinder. Wie Eltern und ihre Kinder nach Trennung und Scheidung wieder glücklich werden“

Das neue Buch von Dr. Claus Koch:

„Trennungskinder. Wie Eltern und ihre Kinder nach Trennung und Scheidung wieder glücklich werden

Erschienen am 19.08.2019 im Patmos Verlag, Stuttgart.

 

Was brauchen Kinder und Jugendliche, deren Eltern sich trennen oder scheiden lassen? Und wie kommen die Erwachsenen selbst mit ihren eigenen oftmals schwierigen Gefühlen klar? Das Buch zeigt auf, was nötig ist, damit alle die krisenhafte Situation gut bewältigen. Besonders wichtig ist jetzt, die existenziellen Bedürfnisse der Kinder gut im Blick zu behalten. Ihnen Geborgenheit und Sicherheit und Anerkennung geben. Helfen, dass sie ihre Ohnmachtsgefühle überwinden und ihr Gefühl für Selbstwirksamkeit stärken. Glückliche Trennungskinder gibt es nicht, aber Trennungskinder, die nach Trennung oder Scheidung ihrer Eltern wieder glücklich werden. Das Buch zeigt besonders aus Sicht der Kinder, die viel zu oft vernachlässigt wird, Wege auf, die helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Die Verlagsseite des Patmos Verlages finden Sie: HIER

Traumatisierte Kinder sensibel begleiten, Teil 2: Was tun bei Verdacht?

 

 

(aus dem Buch „Traumatisierte Kinder sensibel begleiten. Basiswissen & Praxisideen“ von Udo Baer. Beltz Nikolo 2018)

Wie schon mehrmals erwähnt: Ein einzelnes Anzeichen kann für Sie keine sichere Erkenntnis sein, dass ein Kind sexuelle oder andere Gewalt erfahren hat und traumatisiert ist. Es braucht ein Bündel von Phänomenen, die wahrgenommen werden müssen und aus denen sich dann ein Gesamtbild ergeben sollte. Jeder Verdacht sollte und muss ernst genommen werden. Dieser ist dann noch keine sichere Erkenntnis, sondern eine Vermutung, der im Interesse des Kindes nachgegangen werden muss. Dabei helfen die folgenden fünf Schritte:

Weiter lesen

Traumatisierte Kinder sensibel begleiten, Teil 1: Woran Traumata erkennen?

 

 

 

(aus dem Buch „Traumatisierte Kinder sensibel begleiten. Basiswissen & Praxisideen“ von Udo Baer. Beltz Nikolo 2018)

Es gibt keine allgemeingültigen Listen von Symptomen, an denen erkannt werden kann, ob ein Kind traumatische Erfahrungen machen musste. Es gibt Hinweise– nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der wichtigste Hinweis besteht darin, dass Kinder nach einer traumatischen Erfahrung verstört sind. Sie verhalten sich nicht mehr so wie vorher. Sie wirken anders, zeigen Verhaltensänderungen unterschiedlicher Art.

Jedes Kind reagiert anders. Aber das Verstörtsein ist ein gemeinsam auftretendes Merkmal. Manche Kinder werden sehr unruhig, sind reizbar und schreckhaft. Andere ziehen sich eher zurück. Wieder andere werden aggressiv gegenüber ihrer Umgebung, um einem erneuten Kontrollverlust vorzubeugen. Häufig treten auch Verhaltensweisen auf, die einer früheren Entwicklungsstufe der Kinder entsprechen (im Fachterminus spricht man von »regredieren«). Das heißt, bestimmte Fähigkeiten, die sie bereits erworben haben, gehen verloren; das zeigt sich zum Beispiel in der Sprache oder im Sauberkeitsverhalten oder in anderen Kompetenzen. In jedem Fall haben Kinder während eines traumatischen Erlebens ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit erleben müssen, was sie unsicher macht und bei ihnen die bereits beschriebenen Verhaltensweisen auslöst. Noch einmal ist zu betonen: Es gibt keine verbindlichen Listen mit Phänomenen an denen sich traumatische Erfahrungen festmachen lassen. Es sollte immer ein Gesamtbild hergestellt werden, um ggf. einem Verdacht nachzugehen.

Weiter lesen

Wir lange sehen Ärzt/innen in Kinderkliniken täglich die Kinder? 14 MINUTEN!

Beitrag von Dr. Udo Baer

Die Süddeutsche Zeitung berichtete über mehrere Studien, in denen untersucht wurde, wieviel ihrer Arbeitszeit sie mit den Patient/innen verbringen.[1] Die Ergebnisse sind erschreckend: nur 9 bis 13 Prozent. Die andere Zeit geht mit Besprechungen, Dokumentation, Verwaltungsarbeit und anderem drauf. In manchen Kinderkliniken verbringen Ärzt/innen nur 14 Minuten täglich mit ihren kleinen Patient/innen. Nicht mit jedem Kind, sondern die Kontakte mit allen Kindern, für die sie zuständig sind, zusammengerechnet. Das sind selbst bei nur 20 Kindern einer Station weniger als eine Minute je Kind.

Weiter lesen

Aus aktuellem Anlass: „Die Kinder von Homburg“

Beitrag von Dr. Claus Koch

Mediziner waren sich Ende des 19. Jahrhunderts bis weit in 20. Jahrhundert darin einig, dass ein Säugling als „Rückenmarksindividuum“ ohne jegliches subjektives Empfinden zur Welt kommt und man deswegen im Umgang mit ihm auf seine Schmerzempfindungen und Gefühle keine Rücksicht zu nehmen bräuchte. Eine Ansicht, die in der Pflege und medizinischen Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern noch weit bis in die 1950er-Jahre vertreten wurde. Nicht nur die willkürliche Trennung von Mutter und Kind blieb nach der Geburt gang gäbe, sondern auch der Umgang mit Kleinkindern und Kindern war von der „wissenschaftlichen“ Annahme geprägt, dass diese gegen die Folgen von psychischer Misshandlung und Missbrauch weitgehend immun seien, weil mehr oder weniger empfindungsunfähig und ohne Einsicht. „Das wächst sich aus“ war ein Satz, der vielen Eltern, Kinderpsychologen und Ärzten bei entsprechender Symptomatik damals schnell über die Lippen kam. Erst mit dem Beginn der Säuglingsforschung und dem Paradigmenwechsel in puncto Erziehung ab Mitte der 1960er Jahre änderte sich diese Einstellung grundlegend.

Weiter lesen

Wenn Viktor wegläuft

Wenn Viktor wegläuft, sind die Lehrerinnen und Lehrer aufgeregt. Denn er kann sich gut verstecken, in der Pause zwischen dem Gebüsch am Schulhof, im Schulgebäude in den vielen Räumen.

Sie sind besorgt, weil er oft ein bisschen unberechenbar ist. Er ist 9 Jahre alt, ein Kind mit Down-Syndrom.

Er läuft immer öfter weg. Ich frage in der Schule: „Wissen oder vermuten Sie, warum Viktor wegläuft?“ Achselzucken. „Gibt es Anlässe, bei denen er wegläuft?“ Auch hier gibt es keine eindeutigen Antworten. Manchmal wird er im Flur angesprochen und er läuft, manchmal nicht. „Wo läuft er denn hin?“ Hier wird es klarer: „Im Schulgebäude meist in die Bibliothek.“ „Was ist dort anders als in anderen Räumen?“ „Da ist es am ruhigsten.“

Weiter lesen

Kinder ernst nehmen – oder prozesstauglich machen?

Beitrag von Dr. Claus Koch

In unserem Blog vom 26.4. im Beitrag „Die Gesellschaft muss lernen, ihre Kinder ernst zu nehmen“ gehe ich im Zusammenhang mit dem Thema sexualisierter Gewalt auch auf die Vorgänge auf dem Campingplatz in Lüdge ein. Die zahlreichen amtlichen Skandale um den dort stattgefundenen sexuellen Missbrauch an zahlreichen Kinder finden nun in der Frage ihre Fortsetzung, wie mit den Missbrauchsopfern weiterhin umzugehen sei. In einer Mischung aus Hilflosigkeit und Kaltblütigkeit gaben die Polizei Bielefeld und die Staatsanwaltschaft Detmold den Eltern der betroffenen Kinder den Rat, eine Psychotherapie doch erst nach Ende eines Gerichtsprozess zu beginnen.

Weiter lesen

Nein zum Belohnungsschenken, ja zum Freudeschenken

von Dr. Udo Baer

Wir beobachten – und viele Erzieher/innen und Lehrer/innen bestätigen dies –, dass immer mehr Eltern Kindern etwas schenken, um sie zu belohnen. Dies nicht nur einmal, sondern regelmäßig zu allem, was die Kinder gut machen und wo sie Erfolg haben. Viele Kinder werden für Handlungen belohnt, die früher meist selbstverständlich waren.

Ich habe nichts gegen das Schenken. Auf keinen Fall. Ich schenke gerne. Doch wenn alles, was Kinder erfolgreich leisten, mit Geschenken belohnt wird, dann ist dies ein gefährlicher Trend.

Weiter lesen