„Aufmerksamkeitsdefizit“ als Schutz

Beitrag von Dr. Udo Baer

 

Ein besonderes Kennzeichen der meisten Kinder, die unter ADHS oder ADS leiden, besteht darin, dass sie in ihren Sinneswahrnehmungen über sehr wenige Filter verfügen, sehr durchlässig und „dünnhäutig“ sind.

Wir Menschen nehmen in jeder Sekunde unglaublich viele Signale wahr. Das Gehirn muss filtern, weil wir sonst überflutet werden. Nur ein kleiner Promillesatz dessen, was wir wahrnehmen könnten, darf und kann das Gehirn erreichen. Sonst entsteht ein Rauschen und die Menschen können nicht mehr zwischen den verschiedenen Wahrnehmungssignalen differenzieren. Genau das passiert bei vielen Kindern, die unter dem sogenannten „Aufmerksamkeitsdefizit“ leiden.

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Der „Digitalpakt“: Algorithmen statt Bindung, Beziehung und Weltoffenheit

Beitrag von  Dr. Claus Koch

 

 

Seit Wochen und Monaten fällt Politikern und „Bildungsexperten“, wenn sie über die Schule und deren Aufgaben sprechen, kaum noch etwas anderes ein als das Zauberwort vom „Digitalpakt“. Für ihn sollen Schulen jetzt Milliarden zur Verfügung gestellt bekommen, um Schülerinnen und Schüler „fit“ für die Zukunft zu machen. Dafür dürfen sie an ihren Schulen WLAN nutzen, bekommen ein Tablet in die Hand, Lehrer „interaktive“ Whiteboards und eine entsprechende „Lernsoftware“. Die würde, wie in Werbefilmchen für den „Digitalpakt“ zu sehen, den Schülern zeitgemäß ihren Stoff vermitteln und ihnen Erfolg oder Misserfolg beim Lernen zurückmelden. Der „Digitalpakt“ als „Stairway to heaven“, als digitale Himmelsleiter, mit dem sich alle Lern- und Wissensprobleme in nächster Zukunft lösen ließen.

Eine solche Art von „programmiertem Unterricht“ wurde mit ähnlichem Enthusiasmus schon einmal in den 1970er Jahren gestartet, als man Schülern mithilfe behavioristischer Programme, ein wenig wie Ratten, für das erfolgreiche Lösen von Aufgaben belohnte und bei Fehlern entsprechend „bestrafte“. Oder sie in „Sprachlaboren“ in kleine Kabinen setzte, ihnen Kopfhörer verpasste und, bewacht und kontrolliert von einer Lehrerin oder einem Lehrer, Sprachen lernen ließ – ein gewaltiger Fehlschlag, wie man im Nachhinein feststellen musste. Was Schüler in Boxen wie in Kaninchenställen lernten entsprach in etwa dem Ergebnis, sich sechs Wochen in den Sommerferien im Rahmen eines Schüleraustauschs in einer anderen Sprache verständlich machen zu müssen, egal ob beim Musikmachen, beim Sport oder – mit dem nachhaltigsten Lernerfolg – beim Verlieben. Weiter lesen

Klänge der Zugehörigkeit, Lieder der Sehnsucht, Teil 5: Rhythmus, um zuhören zu lernen.

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von Dr. Udo Baer

Erfahrungen und Konzepte interkultureller musiktherapeutischer und musikpädagogischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (2005)

Für eine Gruppe von Kindern der Sinti und Roma im Grundschulalter wird im Rahmen einer Stiftungsaktivität eine musikpädagogische Gruppe angeboten. Es stehen Rhythmusinstrumente zur Verfügung, zum Teil solche aus der Tradition der Sinti und Roma. Die Kinder laufen am Anfang chaotisch durcheinander, klettern durch das Fenster, verlassen durch die Fenster den Raum, kommen und gehen. Jeder Satz, den sie äußern, enthält zahlreiche Schimpfwörter. Die beiden Gruppenleiter/innen werden getestet, ob sie das aushalten oder ob sie auch weggehen, wie alle anderen, die die Kinder verloren haben, und ob auch sie scheitern und für das Scheitern die Kinder verantwortlich machen.

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Klänge der Zugehörigkeit, Lieder der Sehnsucht, Teil 4: Vom Greifen zum Klingen

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von Dr. Udo Baer

Erfahrungen und Konzepte interkultureller musiktherapeutischer und musikpädagogischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (2005)

Mit einer Gruppe arbeitsloser junger Männer aus verschiedenen ost- und südeuropäischen Ländern, überwiegend Aussiedlern aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion, soll musiktherapeutisch oder musikpädagogisch gearbeitet werden. Singen wollen sie nicht („kindisch“), die angebotenen Musikinstrumente ignorieren sie („doof). Die jungen Männer sind halt- und wurzellos und von tiefen Leereerfahrungen geprägt.

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Klänge der Zugehörigkeit, Lieder der Sehnsucht, Teil 3: Wie klingt Ehre?

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von Dr. Udo Baer

Erfahrungen und Konzepte interkultureller musiktherapeutischer und musikpädagogischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (2005)

Mehmed aus dem Kosovo wusste, was Ehre ist und was nicht. Die Ehre ist für viele Migranten ein Relikt aus vorgerichtlichen und vorstaatlichen Zeiten, eine Norm des Handelns bei Grenzverletzungen und der Rache wegen Ehrverletzung, also der Ausübung von Gerechtigkeit, wenn es keine oder nur korrupte Staats- und damit auch Gerichtsorgane gibt.

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Klänge der Zugehörigkeit, Lieder der Sehnsucht, Teil 2: Der Subtext der Resignation

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von Dr. Udo Baer

Erfahrungen und Konzepte interkultureller musiktherapeutischer und musikpädagogischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (2005)

In der musiktherapeutischen Arbeit mit Migrantinnen und deren Kindern begegnen wir viel Resignation. Manchmal ist die Resignation getarnt mit ihrem Gegenteil, also mit übermütigem, jedoch bodenlosem Tatendrang und unrealistischen Projekten („Was ich alles machen würde, wenn …“). Ihr häufigster Ausdruck ist Melancholie. Oft bleiben Migrantinnen in dem, was sie bewegt, in der Vergangenheit stecken oder träumen von unerreichbaren Zukunftsvisionen, geben schließlich auf und verlagern ihre Träume auf die nächste Generation.

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Klänge der Zugehörigkeit, Lieder der Sehnsucht, Teil 1: Interkulturelle Musiktherapie und -pädagogik zwischen Ideal und Realität.

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von Dr. Udo Baer

Erfahrungen und Konzepte interkultureller musiktherapeutischer und musikpädagogischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ( 2005)

Wird der Begriff „interkulturell“ positiv verwendet, unterstellt er die Begegnung zweier oder mehrerer Kulturen und beinhaltet den Wunsch oder gar das Versprechen, dass sich diese Begegnung als fruchtbar für die Entwicklung jeder einzelnen Kultur und deren Zusammentreffen erweisen möge. Wäre dem so, bedürfe es kaum der Musiktherapie in der interkulturellen Arbeit. Wäre interkulturelle Arbeit eine Begegnung zwischen Angehörigen verschiedener in sich halbwegs stabiler Kulturen, dann käme es zu einer Begegnung der Poeten und Musikerinnen, der Sängerinnen und Künstler. Wozu dann Musiktherapie?

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Aus der Praxis, für die Praxis: Mia dirigiert

Beitrag von Dr. Udo Baer

In der Schule (oder im Kindergarten) haben wir oft mit Kindern zu tun, die schüchtern sind oder von den lauteren Kindern überstimmt und übertönt werden. Besonders für diese Kinder ist es sinnvoll, dass sie die Möglichkeit bekommen, ein Orchester zu dirigieren.

Eine Dirigentin/ein Dirigent geben dem Orchester vor, welche Musik wie gespielt wird. Sie sind wirksam. Diese Erfahrung ermöglichen wir Kindern, indem sie eingeladen werden, Dirigent/in zu spielen. Dazu braucht es ein Orchester. Die gesamte Gruppe/Klasse oder ein Teil von ihnen wird zu Musikern erklärt. Die Musiker können auf einem Instrument spielen oder als Chor summen oder singen. Es kann ein bestimmtes Lied gesungen werden oder es wird frei musiziert – ganz im Belieben. Ein Kind wird zum Dirigenten oder zur Dirigentin erklärt und erhält einen Taktstock, ein kleines Stöckchen, mit dem dirigiert werden kann (oder sie verwendet ihre Finger als Taktstock).

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Gesundheit Teil 5: Weich bleiben bei chronischen Erkrankungen

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Beitrag von Dr. Udo Baer

Zahlreiche Kinder leiden unter chronischen Erkrankungen. Das Spektrum dieser Erkrankungen ist sehr breit und reicht von starken Allergien und Asthma über Epilepsie, Herzerkrankungen, Diabetes, chronische Darmentzündungen, Kopfschmerzen/Migräne bis hin zu ADS/ADHS.

Wenn ein Kind unter einer chronischen Erkrankung leidet, führt dies bei den Kindern und im gesamten familiären Umfeld oft zu einer Verhärtung. Die Eltern machen sich Sorgen und müssen oft kontrollieren, dass das Kind zum Beispiel nichts Falsches isst. Für das Kind gilt dies genauso. Kontrolle ist notwendig. Und dauerhafte Kontrolle kann zu einer verhärteten Atmosphäre führen. Die spielerische Leichtigkeit der Kinder und der spielerische Umgang mit den Kindern können zurücktreten hinter ein angespanntes Kümmern. Die Hochspannung ist nicht wegzubeschließen. Ein Kind, das schwer allergisch ist und wo jeder Bissen eines allergenen Lebensmittels zu lebensgefährlichen Attacken führen kann, braucht Kontrolle.

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Gesundheit Teil 4: Die Montagskrankheiten!?

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Beitrag von Dr. Udo Baer

Viele Eltern berichten davon, dass Kinder oft montags krank werden. Auch Erzieher/innen und Lehrer/innen machen diese Erfahrung. Oft klagen diese Kinder über allgemeine Schmerzen („der Kopf“, „der Bauch“) oder Erschöpfung („zu schlapp“). Konkrete körperliche Befunde sind oft nicht festzustellen.

Es liegt nahe, dass diesen Kindern der Wechsel vom familiären Wochenende zur Schule nicht „bekömmlich“ ist. Es gibt für solche Montagserkrankungen keine einfachen Erklärungen, aber diese sollten Anlass sein, sich mit den Kindern zu beschäftigen und sich beziehungsweise die Kinder zu beobachten und zu befragen. Manchmal sind diese Erkrankungen ein Anzeichen dafür, dass in der Schule etwas nicht stimmt, dass Kinder gemobbt werden oder unzufrieden sind, dass sie beschämt werden, dass sie unter zu hohem Leistungsdruck stehen oder anderes mehr. Bei anderen kann eine Quelle der Montagserkrankung am Wochenende liegen, zum Beispiel in der Sorge um die Erkrankung der Mutter oder als Nachhall von ausgesprochenen oder unausgesprochenen Streitigkeiten zwischen den Eltern.

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