Wenn ein Kind zu klug und zu schnell ist …

This entry is part 5 of 4 in the series Fragen von Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen

 

 

Eine Lehrerin fragt:

Ein Kind in meiner sechsten Klasse ist überentwickelt. Es ist zu schnell, zu klug, oft auch altklug. Es bringt sich selbst Sprachen und anderes Wissen bei, muss alles besser wissen und weiß auch vieles. Was kann ich als Lehrerin tun?

Wenn ein Kind überdurchschnittlich intelligent und auch neugierig und wissensdurstig ist, dann braucht es vor allem Unterstützung in den Kontakten zu den anderen Kindern. Oft lehnen andere Kinder dieses Kind als „Streber“ oder „Besserwisser“ ab. Erwachsene bezeichnen es oft als altklug, manchmal sogar als arrogant. Doch was soll das Kind tun? Soll es seine Neugier abwürgen? Soll es sich verstellen, dass es vieles nicht mehr weiß? Solche hochintelligenten und wissensdurstigen Kinder müssen lernen, mit ihren Fähigkeiten umzugehen und sind dabei gelegentlich maßlos, weil sie nicht anders können. Das hat soziale Konsequenzen, die dazu führen können, dass sich die Kinder als Außenseiter oder gemobbt fühlen. Manche Kinder verlieren dann die Lust, überhaupt zur Schule zu gehen. Sie fürchten sich vor der Beschämung und dem Spott anderer. Weiter lesen

Am 18.09.2021 erscheint ein neues Buch von Dr. Udo Baer und Dr. Claus Koch:

„Corona in der Seele – Was Kindern und Jugendlichen wirklich hilft“

Ein Thema, das die Gesellschaft auch „nach Corona“ noch lange beschäftigen wird

Praktische Handlungsvorschläge und konkrete Tipps

Zahlreiche Fallbeispiele aus der pädagogischen Praxis

Die Corona-Pandemie hat massive Auswirkungen auf das Leben von Kindern und Jugendlichen. Angst um die Eltern und Großeltern, Einschränkung der sozialen Kontakte, Wegbrechen von Alltagsstrukturen – all das hinterlässt Spuren in den Kinderseelen. Deshalb müssen wir uns den Kindern und Jugendlichen jetzt zuwenden!
Die Autoren beschreiben die vielfältigen Auswirkungen der Pandemie, erklären die Gründe, warum die Folgen langfristig wirken und wieso Kinder, Jugendliche und ihre Familien auf unterschiedliche Weise betroffen sind. Und sie zeigen detailliert auf, wie ihnen nachhaltig geholfen werden kann: Verständnis zeigen und Gefühle teilen, Sicherheit vermitteln in unsicheren Zeiten, Selbstwirksamkeit und Zusammenhalt stärken durch gemeinsames Tun, durch Offenheit und Vertrauen wieder zueinander finden, Einsamkeit vertreiben durch Förderung sozialer Begegnungen. Konkret und praktisch, mit zahlreichen Fallbeispielen.

1. Auflage 2021
Erscheinungstermin: 18.09.2021
Preis: 18,00 Euro
Bestellung:Hier

Die Hochwasserkatastrophe und die Kinder

von Dr. Claus Koch

Immer wenn im Fernsehen oder anderen Medien über die Hochwasserkatastrophe in NRW, in Rheinland-Pfalz oder anderswo berichtet wurde, fiel auf, dass vor Ort so gut wie keine Kinder zu sehen waren. Im Gegensatz zu Berichten aus Krisen- und Katastrophengebieten in ärmeren Ländern, wo die Kinder oft mit leeren Augen in Kameras starren, wenn sie vor den Resten ihres Zuhauses stehen und zwischen herumliegenden Trümmern wieder anfangen zu spielen. Um wenigstens für kurze Zeit die Schrecken des gerade Erlebten zu vergessen.

Dass uns diese Bilder erspart blieben liegt wahrscheinlich daran, dass die Kinder der von der Flutkatastrophe betroffenen Familien bei uns schnell Aufnahme bei nahen Verwandten gefunden haben, bei Nachbarn oder Freunden, und auf diese Weise „in Sicherheit“ gebracht werden konnten. Dass sie schnell wieder ein Dach über dem Kopf fanden und sich, so schrecklich ihre Eltern auch betroffen waren, dort bekamen, was alle Kinder brauchen: Schutz, Geborgenheit und fürsorgliche Zuwendung.

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Sonderbeitrag: Von einem der auszog, das Entwürdigen zu verbreiten …

von Dr. Udo Baer

Als der Kölner Psychiater Michael Winterhoff 2008 sein Buch veröffentlichte, in dem er zahlreiche Kinder als „Tyrannen“ oder „Monster“ beschimpfte, war die Aufregung groß. Auf der einen Seite wandten sich viele, Pädagog*innen, Psycholog*innen, Therapeut*innen, aber auch Eltern gegen seine Thesen, auf der anderen Seite wurde er in den Massenmedien hochgejubelt und von einer Talkshow zur nächsten gereicht. Nun haben mehrere Kinder in dem kürzlich ausgestrahlten ARD-Film „Warum Kinder keine Tyrannen sind“ erstmals über die Folgen ihrer Behandlung bei Michael Winterhoff gesprochen und auch ihre Eltern haben sich dazu vor der Kamera geäußert. Die Presse hat das Thema aufgegriffen, es gibt bereits Strafanzeigen und Ermittlungen, Abgründe haben sich aufgetan. Diese Entwicklung wirft ein Scheinwerferlicht auf die Auseinandersetzungen um die Kinderwürde – wie sie geführt werden sollte und wie nicht. Dazu fünf Überlegungen:

 

  1. Als damals die Diskussion begann, war ich zunächst verwirrt. Ja, der abwertende Tenor des Winterhoff-Buches gegenüber Kindern und Eltern störte und empörte mich, doch die Debatten, zum Beispiel in einem Spiegel-Streitgespräch, schienen aneinander vorbei zu gehen. Winterhoff wiederholte immer wieder, dass Kindern nicht wie Erwachsene, sondern kindgerecht begegnet werden müsse – ja klar, was denn sonst – und klare Rahmenbedingungen und Vorgaben bräuchten. Andere betonten, dass Kinder vor allem Empathie, Einfühlungsvermögen und respektvolle Fürsorge benötigten. Beide hatten auf dieser Ebene Recht. In unserem Tridentitätskonzept beschreiben wir, dass Kinder für ihre Identitätsentwicklung Nahrung (emotionale und geistige), Spiegel (Feedback) und klare Gegenüber brauchen: UND, nicht entweder-oder.
  2. Doch schon damals war klar, dass hinter den Positionen von Michael Winterhoff schwarze Pädagogik steckte. Es beschimpfte Eltern, die angeblich Kinder verhätschelten und in ihnen einen Partnerersatz sahen. Er betonte die Notwendigkeit von Strafen. Schon die Wortwahl „Tyrannen“ und „Monster“ sprach Bände. Schwarze Pädagogik, die mit Strenge, Strafen und Anordnungen Kinder und Jugendliche „erziehen“ oder besser dressieren will, steht im diametralen Gegensatz zur Kinderwürde.
  3. Ja, es gibt Kinder, die haltlos sind, die maßlos aggressiv werden, die auf nichts und niemanden mehr hören, die manipulieren und herrschen wollen. Solche Kinder und Jugendliche brauchen Halt und klare Gegenüber. Doch diese Kinder sind in Not, oft in tiefer, verzweifelter Not. Sie haben fast immer massive Gewalterfahrungen, vor allem sind sie in vieler Hinsicht mit ihren Äußerungen und Impulsen ins Leere gelaufen. Wenn die ausgestreckte Hand niemanden ergreift, wenn die Stimme der Kinder überhört oder übertönt wird, wenn sie übersehen werden, wenn sie niemanden haben, an den sie sich halten können und der ihnen Halt gibt – dann entsteht Verzweiflung, die sich in Haltlosigkeit und Maßlosigkeit äußert. Wer nur die Oberfläche, die Grenzverletzungen solcher Kinder sieht und nicht auch die Not, die sich dahinter verbirgt, der setzt ihre Entwürdigung fort. Das propagierte Michael Winterhoff.
  4. Nun wird deutlich, dass Entwürdigung und schwarze Pädagogik, auch wenn sie sich als Kinderpsychiatrie tarnt, in Gewalt umschlägt. Michael Winterhoff betrieb eine Praxis und betreute gleichzeitig zahlreiche Kinder in Einrichtungen der Jugendhilfe. Immer wieder „diagnostizierte“ er die Kinder nach einer Einheitsdiagnose, die er selbst erfunden hatte. Das wurde akzeptiert. Den Kindern verschrieb er jahrelang das Neuroleptikum Pimpamperon, das nach Ansichten von Experten nur bei schweren Psychosen und Erregungszuständen verabreicht werden sollte. Die Kinder aber stellte das Präparat ruhig und ließ sie nach eigener Beschreibung willenlos werden. Und das nach jeweils einem kurzen Gespräch mit den Kindern und offenbar manchmal auch ohne die notwendige Einwilligung von Erziehungsberechtigten, wie einige berichteten. Das ist Gewalt.
  5. Dass sich nun betroffene Kinder, die mittlerweile erwachsen sind, und Eltern dagegen auflehnen, ist großartig. Nachdem dies an die Öffentlichkeit kam, wird bereits von einigen Jugendämtern und anderen reagiert und die Zusammenarbeit mit Michael Winterhoff beendet. Vorherige Eingaben der Betroffenen bewirkten nichts. So hoch die Empörungswelle nun hochschwappt, so klar muss sein, dass dies kein Einzelfall ist und kein Problem des Fehlverhaltens einer einzelnen Person. In vielen Bereichen treten Menschen die Kinderwürde mit Füßen und immer wieder mündet die Entwürdigung in Erniedrigung und Gewalt. Und immer wieder gehen Proteste ins Leere.

Es braucht eine Kultur der Kinderwürde. Überall. Kinder brauchen keine Dressur, sondern Begegnung. Kinder brauchen Respekt. Kinder brauchen auch Reibung, aber keine, die sie klein macht, sondern eine, die sie wachsen lässt.

Und Kinder brauchen eine Stimme. Die Geschichte um Michael Winterhoff offenbart, dass die Sicherungen in der Psychiatrie, in der Jugendhilfe und anderen Bereichen anscheinend nicht ausreichen, um Kinder zu schützen. Deswegen brauchen Kinder Anwälte, unabhängige Ombudsmänner und -frauen, an die sie und ihnen vertraute Menschen sich wenden können und die ihren Interessen nach Würdigung nachgehen.

Mein Kind will immer nur zur Mama…….

This entry is part 3 of 4 in the series Fragen von Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen

von Dr. Udo Baer

 

Ich bin Vater und komme gut mit meinen Kindern klar. Doch die Kinder wollen gerade nur zur Mama gehen. Sie sind drei und vier Jahre alt. Was kann ich tun?

Da müssen Sie als Vater durch. Ich habe selbst als Vater die Windungen und Wendungen der Zuneigung meiner Kinder erfahren dürfen. Mal war ich die Nummer eins, mal meine Frau, dann wieder ich, dann sie. So ging es oft hin und her. Versuchen Sie nicht, deswegen beleidigt zu sein, sondern nehmen das Geschehen mit Gelassenheit und ein bisschen Humor. Zeigen Sie den Kindern, dass Sie gerne mit ihnen zusammen sind und etwas spielen oder unternehmen möchten. Aber ohne Druck oder gar Zwang. Weiter lesen

Ein Kind wirf sich auf den Boden……

This entry is part 1 of 4 in the series Fragen von Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen

von Dr. Udo Baer

 

Ein Kind in der Kita wirft sich auf den Boden. Wenn man das Kind dann hochnehmen möchte, kämpft es dagegen an. Wie verstehen Sie das?

Im Säuglingsalter liegen Kinder in der Regel auf dem Boden oder auf dem Arm eines Elternteils. Auf dem Boden zu liegen, ist der hauptsächliche Zustand, in dem sie sich in das Leben hineinfühlen und orientieren. Der Boden gibt Halt und Sicherheit. Auch sprachlich ist das Wort „Boden“ doppeldeutig: Es bezeichnet einerseits konkret den Fußboden, andererseits verwenden wir es im übertragenen Sinn, wenn wir etwas sagen, wir hätten in einer Krise den „Boden unter den Füßen“ verloren. Weiter lesen

Eifersucht unter Geschwistern

This entry is part 2 of 4 in the series Fragen von Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen

von Udo Baer

Eine Mutter fragt:

Meine Tochter und mein Sohn sind sehr eifersüchtig. Wenn einer mit mir zusammen ist, will das der andere auch usw. Wie kann ich damit umgehen?

Eifersucht unter Geschwistern ist zunächst einmal normal. Das ältere Kind verliert einen Teil der Aufmerksamkeit, die nun dem jüngeren gilt und gelten muss. Das jüngere Kind braucht meist mehr Nähe und Zuwendung, weil es kleiner ist, zumindest als Säugling und Kleinkind. In seinem Erleben ist das ältere stärker, klüger, kompetenter und durchsetzungsfähiger.

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„Eine Katze in eine Maus verwandeln“ – Der Traum der elfjährigen Amal

von Claus Koch

 

Wir alle sind seit vielen Monaten mit der Coronapandemie und ihren Folgen beschäftigt. Nicht nur wir Erwachsenen, sondern auch unsere Kinder, um die wir uns Sorgen machen und denen wir helfen wollen, die Coronazeit gut hinter sich zu bringen. Das ist nachvollziehbar und verständlich. Eine Folge der Pandemie ist aber auch, dass wir dabei oft die Kinder aus dem Auge verlieren, die von Kriegen und Flucht gezeichnet mit ihren schlimmen Erfahrungen, und dies noch häufiger als vor Corona, das jetzt alle beschäftigt, allein gelassen werden. Und dies oft ohne Erwachsene, die sich ausreichend um sie kümmern können. Was diesen Kindern dann nur noch bleibt, sind ihre Träume. Sie haben sie für sich aufgehoben – trotz allem Elend, in dem sie sich in ihren Heimatländern, auf ihren Fluchtrouten oder in den Flüchtlingscamps immer noch befinden. An sie gilt es, auch in diesen Coronazeiten, sich zu erinnern.

Amal elf Jahre alt. Das Mädchen verbrachte die frühe Kindheit im umkämpften syrischen Homs. Als Siebenjährige floh sie 2014 mit ihrer Familie in den Libanon und lebt dort in einem informellen Camp – in Armut und ohne Perspektive. Die Kinderhilfsorganisation „Save the Children“ hat mir vor einigen Wochen diese Zeilen aus einem Gespräch mit ihr zugeschickt, die mich sehr berührt haben.

„Gehst du hier gern in die Schule?“
„Ich gehe gern, weil ich lernen mag.“
„Was möchtest du werden?“
„Lehrerin.“
„Was machst du sonst gern?“
„Ich male gern.“
„Was malst du?“
„Haus, Garten, Tiere. Zum Beispiel einen Vogel und eine Kuh.“
„Warum den Vogel?“
„Weil er fliegen kann.“
„Und was wünschst du dir?“
„Magie.“
„Warum?“
„Da kann man bekommen, was man will.“
„Was würdest du dann machen? Gibst du mir ein Beispiel?“
„Eine Katze in eine Maus verwandeln.“

Kindern Gefühle zeigen- aber wie?, Teil 2: Wenn man selbst nicht geübt ist, Gefühle zu zeigen?

This entry is part 2 of 2 in the series Kindern Gefühle zeigen - aber wie?

 

 

von Udo Baer

Ich habe von Erwachsenen gehört, dass sie selbst ungeübt sind, ihre Gefühle zu zeigen. Sie sind in Elternhäusern und Milieus aufgewachsen, in denen Emotionalität verpönt und tabuisiert war. Oder sie haben so viel Gewalt erfahren, an der starke Gefühlsausbrüche beteiligt waren, dass sie selbst emotional verstummt sind. Auch wer oft bei anderen Menschen als Kind oder Erwachsener ins Leere gegangen ist, findet oft kein Maß, Gefühle mitzuteilen. Die Folge ist, dass sie nun kein Maß haben für den Ausdruck ihrer Gefühle. Wenn sie sich vornehmen, mit ihren Kindern Gefühle zu teilen, dann haben sie oft große Sorgen, dass sie damit die Kinder überfordern und überschwemmen. Sie sind ungeübt.

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Pädagogische Beziehungskompetenz im Umgang mit herausfordernden Schüler*innen

 

von Dr. Claus Koch

Kinder wachsen in Beziehungen und durch Beziehungen. Ihre Beziehungserfahrungen spielen beim Lernen und im Verhalten eine besondere Rolle. Pädagogische Berufe sind Beziehungsberufe, denn alle Kinder wünschen sich Beziehungen. Zu Menschen, zu Gegenständen, zum Wissen. Ein Wunsch, der sich in der Kita und in der Schule bei manchen Kindern aber auch und gerade im zerstörerischen Umgang mit Beziehungen ausdrückt. Dann sprechen wir von Kindern und Jugendlichen, die uns in unseren pädagogischen Bemühungen um sie besonders herausfordern.

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