Wenn ein Kind zu klug und zu schnell ist …

This entry is part 5 of 4 in the series Fragen von Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen

 

 

Eine Lehrerin fragt:

Ein Kind in meiner sechsten Klasse ist überentwickelt. Es ist zu schnell, zu klug, oft auch altklug. Es bringt sich selbst Sprachen und anderes Wissen bei, muss alles besser wissen und weiß auch vieles. Was kann ich als Lehrerin tun?

Wenn ein Kind überdurchschnittlich intelligent und auch neugierig und wissensdurstig ist, dann braucht es vor allem Unterstützung in den Kontakten zu den anderen Kindern. Oft lehnen andere Kinder dieses Kind als „Streber“ oder „Besserwisser“ ab. Erwachsene bezeichnen es oft als altklug, manchmal sogar als arrogant. Doch was soll das Kind tun? Soll es seine Neugier abwürgen? Soll es sich verstellen, dass es vieles nicht mehr weiß? Solche hochintelligenten und wissensdurstigen Kinder müssen lernen, mit ihren Fähigkeiten umzugehen und sind dabei gelegentlich maßlos, weil sie nicht anders können. Das hat soziale Konsequenzen, die dazu führen können, dass sich die Kinder als Außenseiter oder gemobbt fühlen. Manche Kinder verlieren dann die Lust, überhaupt zur Schule zu gehen. Sie fürchten sich vor der Beschämung und dem Spott anderer. Weiter lesen

Mein Kind will immer nur zur Mama…….

This entry is part 3 of 4 in the series Fragen von Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen

von Dr. Udo Baer

 

Ich bin Vater und komme gut mit meinen Kindern klar. Doch die Kinder wollen gerade nur zur Mama gehen. Sie sind drei und vier Jahre alt. Was kann ich tun?

Da müssen Sie als Vater durch. Ich habe selbst als Vater die Windungen und Wendungen der Zuneigung meiner Kinder erfahren dürfen. Mal war ich die Nummer eins, mal meine Frau, dann wieder ich, dann sie. So ging es oft hin und her. Versuchen Sie nicht, deswegen beleidigt zu sein, sondern nehmen das Geschehen mit Gelassenheit und ein bisschen Humor. Zeigen Sie den Kindern, dass Sie gerne mit ihnen zusammen sind und etwas spielen oder unternehmen möchten. Aber ohne Druck oder gar Zwang. Weiter lesen

Ein Kind wirf sich auf den Boden……

This entry is part 1 of 4 in the series Fragen von Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen

von Dr. Udo Baer

 

Ein Kind in der Kita wirft sich auf den Boden. Wenn man das Kind dann hochnehmen möchte, kämpft es dagegen an. Wie verstehen Sie das?

Im Säuglingsalter liegen Kinder in der Regel auf dem Boden oder auf dem Arm eines Elternteils. Auf dem Boden zu liegen, ist der hauptsächliche Zustand, in dem sie sich in das Leben hineinfühlen und orientieren. Der Boden gibt Halt und Sicherheit. Auch sprachlich ist das Wort „Boden“ doppeldeutig: Es bezeichnet einerseits konkret den Fußboden, andererseits verwenden wir es im übertragenen Sinn, wenn wir etwas sagen, wir hätten in einer Krise den „Boden unter den Füßen“ verloren. Weiter lesen

Kinder in giftigen Atmosphären

von Dr. Udo Baer

Zu den Monstern der Entwürdigung zählt, Kinder und Jugendliche giftigen Atmosphären auszusetzen. Atmosphären wabern um uns herum und in uns hinein. Giftige Atmosphären sind solche, die Kinder und Jugendliche schleichend vergiften. Zwei Beispiele:

  1. G. lebt in einer Atmosphäre permanenter Angst. In ihrer Familie gilt,
    dass alle anderen eine Bedrohung sein können. Nichts darf wirklich
    gut sein. Alles Gute kann sich ja sofort in Schlimmes verwandeln.
    Für G. ist diese Atmosphäre selbstverständlich. Sie ist in ihr
    von Geburt an aufgewachsen. Auch sie selbst wird paranoid und
    kann keine freundschaftlichen Beziehungen zu Mitschüler*innen
    aufbauen. Auch die wohlwollendsten Lehrer haben bei ihr keine
    Chance. Die Eltern von G. haben in den Kriegen beim Zerfall des
    ehemaligen Jugoslawiens als kleine Kinder schlimme Kriegstraumata
    erlebt. Flucht, Vergewaltigung, Vertreibung, Denunziation,
    Gefangenenlager (Vater) … Diese Atmosphäre hat sie geprägt und
    schuf die Wolke der Angst und Bedrohung.

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Traumatisierte Kinder sensibel begleiten, Teil 7: Was tun bei »seltsamen« Gefühlen traumatisierter Kinder?- Misstrauen

This entry is part 7 of 15 in the series Traumatisierte Kinder sensibel begleiten

 

 

Von Dr. Udo Baer

Traumatische Erfahrungen bewirken in den Kindern, dass sie in all ihrem Erleben erschüttert sind. Dazu gehört auch ihr Gefühlsleben. Manche Gefühle verschwinden scheinbar, andere werden stärker, wieder andere verändern sich in ihren Inhalten und ihrem Ausdruck. Deswegen werde ich in den folgenden Abschnitten auf einige dieser Gefühle eingehen, die Veränderungen durch traumatische Erfahrungen beschreiben und Ihnen Hinweise geben, wie Sie damit umgehen können.

Dass eine traumatische Erfahrung dazu führt, dass Kinder misstrauisch gegenüber anderen Menschen, ja, gegenüber der Welt werden, habe ich schon mehrmals erwähnt. Wenn Menschen, denen sie vertrauen, ihnen Gewalt antun, wenn sie in Situationen, die sie als vertraulich erlebt und in denen sie auf den Schutz der Erwachsenen vertraut haben, in existenzielle Bedrohungen gestürzt werden, dann bricht die Welt zusammen und damit auch das Vertrauen in die Welt.

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Wenn Viktor wegläuft

Wenn Viktor wegläuft, sind die Lehrerinnen und Lehrer aufgeregt. Denn er kann sich gut verstecken, in der Pause zwischen dem Gebüsch am Schulhof, im Schulgebäude in den vielen Räumen.

Sie sind besorgt, weil er oft ein bisschen unberechenbar ist. Er ist 9 Jahre alt, ein Kind mit Down-Syndrom.

Er läuft immer öfter weg. Ich frage in der Schule: „Wissen oder vermuten Sie, warum Viktor wegläuft?“ Achselzucken. „Gibt es Anlässe, bei denen er wegläuft?“ Auch hier gibt es keine eindeutigen Antworten. Manchmal wird er im Flur angesprochen und er läuft, manchmal nicht. „Wo läuft er denn hin?“ Hier wird es klarer: „Im Schulgebäude meist in die Bibliothek.“ „Was ist dort anders als in anderen Räumen?“ „Da ist es am ruhigsten.“

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Was beunruhigt unruhige Kinder?

Beitrag von Dr. Udo Baer

Viele Kinder sind unruhig und es gibt zahlreiche Bestrebungen in Schulen, Kindergärten, Elternratgebern und anderem, dass und wie diese Kinder wieder zur Ruhe kommen sollen. Es wird gestritten, ob dies eher über weiche Methoden oder über Regeln und Strafen erfolgen soll. Die Kernfrage allerdings, die als erstes gestellt werden sollte, lautet: Was beunruhigt unruhige Kinder? Wir haben in unseren therapeutischen und pädagogischen Begleitungen von Kindern und Jugendlichen immer wieder die Erfahrung gemacht, dass diese Frage gestellt werden muss, und dass sie nicht immer, aber oft, zu den Quellen der Unruhe führen kann.

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„Aufmerksamkeitsdefizit“ als Schutz

Beitrag von Dr. Udo Baer

 

Ein besonderes Kennzeichen der meisten Kinder, die unter ADHS oder ADS leiden, besteht darin, dass sie in ihren Sinneswahrnehmungen über sehr wenige Filter verfügen, sehr durchlässig und „dünnhäutig“ sind.

Wir Menschen nehmen in jeder Sekunde unglaublich viele Signale wahr. Das Gehirn muss filtern, weil wir sonst überflutet werden. Nur ein kleiner Promillesatz dessen, was wir wahrnehmen könnten, darf und kann das Gehirn erreichen. Sonst entsteht ein Rauschen und die Menschen können nicht mehr zwischen den verschiedenen Wahrnehmungssignalen differenzieren. Genau das passiert bei vielen Kindern, die unter dem sogenannten „Aufmerksamkeitsdefizit“ leiden.

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Was ist die Alternative zum Strafen?

Beitrag von Dr. Udo Baer

Ja, Strafen haben in der Erziehung von Kindern eine Wirkung. Kinder gehorchen, aus Angst und aus Hilflosigkeit. Doch die Folgen sind für die Entwicklung der Kinder schädlich, und das nachhaltig. Kinder, die oft bestraft werden, fühlen sich erniedrigt, denn Strafen machen die Kinder klein und die Großen groß. In den Kindern nistet sich die Angst ein, denn das Erzeugen von Angst vor Strafen ist das Mittel jeder Erziehung, die auf Strafen setzt. Und in den Kindern werden Ohnmacht und Hilflosigkeit selbstverständlich, denn sie sind gegenüber denen, die Strafen verhängen, hilflos und ohnmächtig.
Das hat Folgen bis ins Erwachsenenalter. Wer starke und selbstbewusste Kinder möchte, sollte auf Strafen verzichten. Nur wenn Kinder schon so gebrochen sind („komplextraumatisiert“), können Strafen Teil eines haltgebenden Systems sein, das sie eine Zeit lang zur Stabilisierung brauchen. Die Kinder, mit denen Sie als Erzieher/innen, Lehrer/innen, Therapeut/innen oder Eltern zu tun haben, brauchen Strafen nicht, im Gegenteil, sie wirken schädlich. Doch was sind die Alternativen?

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Zwischen Schuld und Sehnsucht: Was in Kindern und Jugendlichen chronisch erkrankter Eltern vorgeht – und was hilft

Als Melanie in meine therapeutische Prax is kam, fragte ich sie, wie es ihr ginge. Die Elfjährige zuckte mit den Schultern. Ich lud sie ein, die bereit stehenden Musikinstrumente auszuprobieren. Sie probier te die meisten aus, vom Klavier bis zur Ocean-Drum. Bei einer kleinen Zither blieb sie und wiederholte immer wieder einen Ton, einen einzigen Ton. Erst in mittlerer Lautstärke, dann immer leise werdend, schließlich kaum hörbar … „Was hörst du?“, fragte ich. „Mich … Ich bin kaum noch da.“ Weiter lesen